Autonomie für den Şengal

Zwei Wochen Jugendarbeit im irakischen Jesidengebiet

„Man kann nicht für zwei, drei Tage in den Şengal fahren“, mahnte Heval Rezan. „Es dauert Wochen, bis man die Gesellschaft dort halbwegs verstehen lernt. Wenn ihr fahren wollt, dann bleibt etwas länger.“ Gut, dachten wir, dann eben länger. Und so brachen wir im Juli 2017 in die Jesidenstadt Khanasor auf, um dort einige Wochen in den Jugendstrukturen mitzuarbeiten.

Etwa eine halbe Stunde nachdem wir die Grenze von Rojava in den Şengal überquert haben erreichen wir die Stadt, die früher, vor dem Angriff der Terrormiliz Islamischer Staat, rund 30 000 EinwohnerInnen gehabt haben soll. Schon der Weg ins Zentrum Khanasors erzählt eine Geschichte: An den Straßenlaternen hängen hunderte Bilder von KämpferInnen, die im Widerstand gegen Daesh (Islamischer Staat) gefallen sind. Unter ihnen Mitglieder der Widerstandseinheiten Şengal YBŞ und der Fraueneinheiten YJŞ, aber auch viele Guerillas der Volksverteidigungskräfte HPG, des bewaffneten Arms der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Als 2014 Daesh den Versuch unternahm, das JesidInnengebiet einzunehmen und tausende Menschen ermordete, Frauen in die Sklaverei verschleppte und die Häuser geflüchteter JesidInnen plünderte, waren sie es, die dem Genozid Einhalt geboten. Die Peschmerga der mit der Türkei, den USA und Israel verbündeten Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) Mesud Barzanis, die zuvor die militärische Macht in dem Gebiet ausgeübt hatten, waren geflohen, hatten die JesidInnen schutzlos zurückgelassen. PKK und YPG dagegen rückten mit stärkeren Verbänden an, verteidigten den Berg Şengal, auf dessen Hochebene sich die meisten ZivilistInnen zurückgezogen hatten und kämpften einen Fluchtkorridor frei.

Das erklärte Ziel der kurdischen Bewegung im Şengal ist es, eine Selbstverwaltung der JesidInnen zu ermöglichen.

Seitdem haben sich die Kräfteverhältnisse im Şengal verändert. Die KDP, unter weiten Teilen der Bevölkerung verhasst, hält heute noch die Kleinstadt Sinune und hat einige unwichtige Stellungen im Rest der Gegend, die von YBŞ und PKK toleriert werden. Der Großteil des Gebietes steht unter der Kontrolle der autonomen jesidischen Einheiten und der Guerilla. Das erklärte Ziel der kurdischen Bewegung im Şengal ist es, eine Selbstverwaltung der JesidInnen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck wurden Volksräte und autonome Frauen- wie Jugendinstitutionen ins Leben gerufen.

Nur wenige Familien kehren zurück

Die Sicherheitslage ist zu der Zeit, die wir in Khanasor und den umliegenden Dörfern verbringen, eigentlich ganz gut – verglichen mit anderen Gegenden der Region. Daesh wurde zurückgedrängt und spielt hier keine Rolle mehr. Dennoch versuchen verschiedene Gruppierungen, den Şengal ihrem Einflussbereich einzuverleiben. Die KDP, angestiftet von ihrem Gönner in Ankara, provozierte zuletzt im März 2017 Gefechte. Und im Süden befinden sich starke Truppenkontingente der schiitischen (und an die iranische Außenpolitik gebundenen) Hashd al-Shaabi. Seit dem KDP-YBŞ-Scharmützel in Khanasor und den Bombardements durch die türkische Luftwaffe im April blieb es ruhig.

Wir wollen wirklich, dass die jesidische Bevölkerung zurückkehrt. Es ist ihr Land, sie sollen es aufbauen und verwaltenYBŞ-Kommandant

Dennoch kommen nur sehr wenige jesidische Familien in den Şengal zurück. „Wir tun, was wir können. Wir wollen wirklich, dass die jesidische Bevölkerung zurückkehrt. Es ist ihr Land, sie sollen es aufbauen und verwalten“, sagt uns ein YBŞ-Kommandant einige Tage nach unserer Ankunft. „Aber es wird wohl mehr Zeit brauchen, um dieses Vertrauen wiederherzustellen.“

Khanasor, eine architektonisch eigentlich schöne Stadt, wirkt leer. Von ihrer ursprünglichen Bevölkerung ist nur ein Bruchteil übrig geblieben. Tausende wurden umgebracht, Frauen wurden versklavt und verschleppt und Zehntausende sind geflohen. Drei Jahre nachdem Daesh in den Shengal eingefallen ist, harren viele noch immer in Zelten auf dem Ciyaye Singal, dem Berg der sich neben der Stadt erhebt, aus. Viele andere sind nach Europa gegangen oder leben in Camps wie dem nahegelegenen Kampa Newroz in Rojava. In den letzten Monaten traten zwar einige Familien den Rückweg in ihre Heimat an, viele sind es aber nicht. Wer der Frage nachgeht, warum immer noch so wenige zurückkehren, wird unterschiedliche Antworten finden. Die Angst, erneut Opfer eines Genozids zu werden – die jesidische Geschichtsschreibung zählt bislang 74 derartiger Angriffe -, spielt sicher eine maßgebliche Rolle. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch die Versorgungslage. Die KDP hat ein Embargo über den Şengal verhängt, nahezu alle erhältlichen Waren müssen aus Rojava eingeführt werden. Und auch wenn zwar Familien oft selbst Landwirtschaft in einem kleinen Ausmaß betreiben, die eigene Wirtschaftsleistung des Şengal ist äußerst gering.

Das größte ökonomische Problem im Sommer ist die Wasserversorgung. Es ist sehr heiß im Şengal, Temperaturen über 50 Grad im Schatten sind keine Seltenheit. Trinkbares Wasser ist aber Mangelware und muss aus nur zwei Quellen mit LKWs verteilt werden. Internationale Hilfe konnten wir nirgendwo beobachten.

Unter diesen Bedingungen ist es nicht leicht, die Bevölkerung zu organisieren und nachhaltige Strukturen der Selbstverwaltung aufzubauen. Neben der kaum aufzuhaltenden Fluchtbewegung ist es vor allem die äußerst verknöcherte Kultur der jesidischen Gesellschaft, die das erschwert. Die Gesellschaft ist in Kasten gegliedert, Frauen sind sehr starken Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen ausgesetzt. Dazu kommt eine Schicksalsgläubigkeit, die oft eigene Aktivität unterbindet. Anders als etwa in Nordkurdistan oder Rojava ist zudem die politische Idee einer selbstbestimmten Entwicklung ohne Staat noch etwas sehr Neues: Vor dem Daesh-Genozid war die PKK hier nahezu unbekannt.

Es sind also keine leichten Bedingungen, unter denen hier die Bevölkerung zu organisieren ist. Umso wichtiger ist die Rolle der Jugendarbeiten dabei.

Mobilisierung von Tür zu Tür

Die Jugendbewegung hat zwei feste Anlaufpunkte: ein Jugendzentrum in Khanasor und eines auf der Hochebene des Şengalgebirges, in der Zeltstadt, die noch immer das zu Hause vieler ist, die aus der Ebene geflohen sind.

Unsere Ankunft fällt mitten in die Vorbereitungen für den ersten jesidischen Jugendkongress, der in der folgenden Woche stattfinden soll. Mit einem Genossen aus den örtlichen Jugendstrukturen besuchen wir Familien überall im Shengal, um Einladungen für die Konferenz zu überreichen. Die Methode der Mobilisierung ist für uns neu – und spricht uns an. Es werden nicht anonym Flugblätter verteilt, sondern man kommt zum Cay oder zum Essen in die Häuser der Familien und diskutiert, manchmal Stunden lang.

Anfangs ist die Verständigung etwas schwierig. Şengali klingt in unseren Ohren eher wie eine eigene Sprache denn wie ein Dialekt des Kurdischen. Zum Glück gibt es Freunde, die übersetzen können und nach einigen Tagen haben wir uns dann auch genug eingehört, um selbst mit den Jugendlichen zu reden.

Unser Herkunftsland Deutschland ist gleichzeitig auch der neue Wohnort von vielen Brüdern und Schwestern, Tanten, Onkels und FreundInnen, die dorthin vor dem Völkermord geflohen sind. „Ist es hier besser oder in Deutschland?“ ist eine immer wiederkehrende Frage. Wir versuchen zu erklären, dass manche Dinge zwar einfacher sind – zum Beispiel nicht jeden Tag auf den Tanklaster mit dem Trinkwasser warten zu müssen -, dass die Mehrheit der Menschen aber auch bei uns kein so einfaches Leben führt, wie es sich hier viele vorstellen. Die Jugendlichen hier kennen Deutschland (und generell den Westen) vor allem aus dem Fernsehen oder durch ihr Smartphone.

 

Interessant für uns ist auch, dass sich die meisten JesidInnen nicht als Kurden verstehen – obwohl ihre Muttersprache kurdisch ist.
Europa ist in den Köpfen von vielen jungen Menschen der Ort, an dem alles besser ist. Einige haben aber von ihren Verwandten den Alltag in Sammelunterkünften und die Schwierigkeiten danach beschrieben bekommen und verstehen eher, was wir meinen, wenn wir betonen, dass gerade die Chance, sich hier im eigenen Land selbst etwas aufzubauen eine bessere Perspektive ist, als den Weg ins Ungewisse anzutreten.

Interessant für uns ist auch, dass sich die meisten JesidInnen nicht als Kurden verstehen – obwohl ihre Muttersprache kurdisch ist. „Kurdistan“ bezeichnet in ihrem Sprachgebrauch nicht das auf vier Nationalstaaten verteilte Gebiet, in dem Kurden leben. Vielmehr verwenden sie Kurdistan Synonym für die KRG im Nordirak. Somit werden die Wörter „Kurde“ und „Kurdistan“ häufig direkt mit den Peschmerga der KDP assoziiert, die im Şengal kaum Sympathien genießen.

Dennoch arbeiten viele Jesiden für die KDP-Peschmerga. Allerdings ohne politische Affinitäten, einfach für Geld. In vielen Familien finden sich sowohl Mitglieder der YBŞ/YJŞ als auch der Peshmerga. Obwohl das Verhältnis zwischen beiden sehr angespannt ist und im vergangenen März bei einem Angriff der Peshmerga mehrere YBŞ und YJŞ KämpferInnen umgebracht wurden, verbringt man den Urlaub abseits des Stützpunkts am gleichen Esstisch.

Konsequenzen der patriarchalen Gesellschaftsordnung

Zusätzlich zu den Jugendzentren ist eine weitere Anlaufstelle für die Jugend das Zentrum der Kunst und Kulturvereinigung in Khanasor. Hier probt regelmäßig eine Theatergruppe und es gibt Kulturveranstaltungen. Bei einer Filmvorführung, die wir besuchen, gibt es zunächst Probleme mit der Technik. Davon lässt sich aber niemand aus der Ruhe bringen. Während zwei Genossen versuchen Beamer und Boxen zum Laufen zu bringen, setzen wir uns mit ca. 20 Kindern und Jugendlichen im Kreis auf den Boden und singen abwechselnd Lieder.

Frauen sind auch hier unterrepräsentiert. Insgesamt sind Frauen in der Öffentlichkeit sehr selten anzutreffen. Genossinnen aus der Jugendbewegung sagen, dass es sehr schwer sei, die jungen Frauen zu organisieren, weil viele Familien noch nach sehr patriarchalen Regeln leben und sich deshalb das Leben der Frauen größtenteils zu Hause abspiele. Wenn es dann einmal gelungen ist, eine Frau für die Bewegung zu gewinnen, dann allerdings sind die jungen Frauen mit ganzem Herzen bei der Sache. Sie zeigen mehr Initiative als ihre männlichen Altersgenossen.

Mit den Konsequenzen der patriarchalen Gesellschaftsordnung hat auch der Kommandant einer Akademie für neue Kämpfer der YBŞ zu schaffen. Als wir die Einrichtung besuchen erklärt er: „Viele junge Männer sind es nicht gewohnt, irgendwelche Hausarbeiten zu machen. Sie können zum Beispiel nicht Kochen, weil das zu Hause nicht zu ihren Aufgaben gehört.“ Ein Großteil des des Unterrichts an der Akademie ist „Dersa Jiyane“, eine Art Lebensführungskurs. Die angehenden YBŞ-Mitglieder lernen Kochen, Putzen, Waschen und das Aufrechterhalten von Ordnung. Und wenn sie in den zehn Tagen Ferien, die ihnen pro Monat zustehen, nach Hause fahren, bringen sie im Idealfall etwas von dem neuen Verhalten in die Familie ein. So haben auch die militärischen Strukturen Relevanz für die gesellschaftlichen Prozesse.

Selbstorganisierung der Jugend

„Die Einheit der jesidischen Jugend garantiert die Autonomie des Şengals“Motto des jesidischen Jugendkongresses

Am Tag des Jugendkongresses drängen sich um die 300 Menschen in den Zelten, die wir am Vortag zusammen mit örtlichen Jugendlichen aufgebaut haben. Es sind Jugendliche aus allen Ecken des Shengals gekommen, zudem sind auch Vertreter der Jesidischen Jugend aus anderen Teilen Kurdistans, aus den Flüchtlingscamps und aus Europa anwesend. Der Kongress findet unter dem Motto „Die Einheit der jesidischen Jugend garantiert die Autonomie des Şengals“ statt.

Um diesem Ziel näher zu kommen wird am Ende des ersten Tags des Kongresses ein Jugendrat gebildet, in dem VertreterInnen aus jedem Dorf und aus den Camps sitzen. Die Jugend des Şengal hat jetzt ein Organ zur Selbstverwaltung. Um aus dieser Autonomie eine wirklich umfassende Selbstverwaltung des Volkes zu machen, bleibt noch viel zu tun. Der Organisierungsprozess steht auch unter den Jugendlichen noch am Anfang. Aber unsere Genossen von der Jugendbewegung bemühen sich täglich, Haus für Haus, Zelt für Zelt für dieses Projekt zu gewinnen.

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