Reflexionen über Internationalismus in Rojava

von Anne-Marie Sariposa

Um ehrlich zu sein, ich war doch sehr verwundert, mit welchen Haltungen die revolutionären Abenteurer*innen in Rojava unterwegs waren. Bevor ich dorthin abgereist war, habe ich mit Freund*innen und Genoss*innen unzählige Gespräche darüber geführt, wie es wohl zu schaffen sei, von dieser Revolution zu lernen, ohne sie auszunutzen oder ihr eine Bedeutung überzustülpen, die aus meiner Sozialisation im Zentrum des Kapitalismus herrührt und wenig bis gar nichts mit der Situation vor Ort zu tun hat. Wir waren uns einig, dass wir aus den bisherigen Erfahrungen mit Internationalismus lernen müssen und die Fehler nicht wiederholen sollten. Jüngste Beispiele für eine unzureichende Herangehensweise an Internationalismus sind Nicaragua oder die zapatistische Bewegung in Mexiko, die zwar eine relativ breite Unterstützung (nicht nur) von westlichen Revolutionär*innen erhalten haben, die aber ebenfalls mit starker Romantisierung und Revolutionstourismus einhergingen.

Das führte dazu, dass die Revolution als radikaler, gesellschaftsverändernder Prozess weiterhin abgetrennt von der eigenen gesellschaftlichen Realität gesehen wurde. Als eine idealisierte Welt, in die mensch einmal kurz eintauchen kann, um dann wieder von der Realität überfordert zu sein, in die mensch zurückkehrt. Oder in der mensch für immer bleiben möchte, weil mensch keine Möglichkeit sieht, die notwendige vorbereitende Arbeit dort zu leisten, wo mensch herkommt. Was dann eher einer Flucht gleichkommt und häufig zur Verstörung derjenigen führt, mit denen ein gemeinsamer Kampf begonnen wurde, und nicht dazu beiträgt, gemeinsam diejenigen Hindernisse zu überwinden, die im Zentrum des Kapitalismus sehr dringend anstehen würden. Auch Revolutionstourismus trägt wenig dazu bei, die Welt zu verändern. Die gemachten Erfahrungen, das wichtige dort erworbene Wissen werden eher zur Selbstdarstellung genutzt, als sich – gemeinsam! – zu überlegen, wie es für die gemeinsamen Ziele eingesetzt werden kann. Denn in vielen Fällen kann die eurozentristische Haltung, wir wüssten im Endeffekt doch besser als die besuchte revolutionäre Bewegung, was revolutionär ist, durch einen oberflächlichen, kurzfristigen Aufenthalt nicht überwunden werden.

Eine Möglichkeit der kritischen Reflexion dieser oft unbewussten Herangehensweise stellt das Konzept der critical whiteness dar. Es ist entstanden im Rahmen von postkolonialer Theorie und fordert dazu auf, die Privilegien zu reflektieren, die wir als Angehörige einer weißen, kolonialisierenden Gesellschaft haben. Dazu gehört vor allem auch, unseren Orientalismus zu hinterfragen, unsere Wahrheitsregime, die sehr stark mit unserer Geschichte als ausbeutende Klasse im Zusammenhang stehen. Was verstehen wir als zivilisiert, was als richtig, was als unterstützenswert. Als wichtiges Beispiel in diesem Zusammenhang wäre der bewaffnete Kampf zu nennen. In unserer Welt, die bewaffnete Konflikte durch geschickte Abkommen weit nach außen verlagert und unsichtbar gemacht hat, aber keineswegs dazu beiträgt, sie abzuschaffen, sondern vielmehr durch Unterstützung und Ausspielen verschiedener Kräfte je nach eigener Interessenlage verstärkt, ist es einfach zu fordern, dass Menschen »friedlich« oder »gewaltfrei« für ihre Rechte eintreten sollen. Dass diese Forderung in eben jenem anderen Zusammenhang, in einer anderen Lebensrealität schlicht und einfach mit Auslöschung einhergehen würde, wird ohne kritische Reflexion dieses »Privilegs« im befriedeten Zentrum des Kapitalismus zu leben, einfach nicht gesehen.

Ein weiteres »Privileg« im Zusammenhang mit revolutionärem Internationalismus stellt die Wahlfreiheit dar. Uns ist es einigermaßen möglich, den Ort unseres revolutionären Tuns auszuwählen. Das ist für Menschen aus der Peripherie nicht der Fall. Sie sind sozusagen gezwungen, die Revolution dort voranzutreiben, wo sie aufgewachsen sind. Ihnen ist es nicht möglich, auszuweichen. Ihnen ist es nicht möglich, vor der Verantwortung, die die Erkenntnis, dass diese Welt und unsere Menschheit nur durch eine radikale Systemveränderung zu retten ist, mit sich bringt, wegzulaufen. Sie sind dazu gezwungen, die Widersprüche des täglichen Lebens zu überwinden.

In den Gesprächen mit Freund*innen und Genoss*innen waren wir zum Schluss gekommen, dass die wichtigste Unterstützung für die Revolution in Rojava nur sein kann, wenn wir überall auf der Welt unsere eigenen Kämpfe vorantreiben. Ich weiß, das ist keine wirklich neue Erkenntnis – auf dem Papier. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Wer nimmt sich diese Erkenntnisse der Erfahrungen mit internationalistischen Kämpfen denn heute wirklich noch zu Herzen und versucht sie mit Kraft und Überzeugung umzusetzen? Warum passiert nichts? Warum gibt es nach wie vor so wenig revolutionäre, aufbauende Arbeiten hier? Warum gibt es keine starke revolutionäre Organisierung? Beziehungsweise warum lassen sie sich so schnell einschüchtern, sobald Repressionsschläge kommen? Warum haben wir trotz allen revolutionären Austausches noch nicht gelernt, dass eine Revolution nicht mit Komfort einhergeht bzw. aus dem Ärmel zu schütteln ist?

Nun, dies jedenfalls waren die Überlegungen, bevor ich nach Rojava gegangen bin. Eigentlich zu wissen, dass die größte Unterstützung der Revolution in Rojava wäre, dort an der Revolution zu arbeiten, wo ich herkomme. Gleichzeitig aber auch das Gefühl zu haben, damit in einer kompletten Sackgasse zu stecken. Wer redet denn heute noch von Revolution? Und wie wird denen, die es tun, begegnet? Mit kleinlicher, perfektionistischer, unbeteiligter Kritik an jeder kleinsten Bewegung bzw. Regung. Vielleicht lässt sich das Verhältnis der erfahrenen Linken zur neuen Mut schöpfenden Jugend wie das von nörgelnden Erwachsenen zu ihren Kindern beschreiben, die das Kind dann entweder lähmen oder es zum totalen Wutausbruch treiben. Mir schienen weder Lähmung noch unkontrollierter Wutausbruch als geeigneter Weg. Ich wollte einen Weg aus der Sackgasse finden.

Nun kam ich nach Rojava und konnte sehen, wie wenig diese Auseinandersetzung in anderen Gruppen geführt wurde. Zu dieser Zeit war die von der südkurdischen Demokratischen Partei Kurdistan PDK kontrollierte »Grenze« zwischen Rojava und Basûr (Südkurdistan) noch etwas durchlässiger und mit entsprechender Argumentation war es einigen Aktivist*innen und Journalist*innen möglich, von der PDK die Erlaubnis zur Ausreise nach Rojava zu erlangen. Besonders frappant ins Auge stechend war die Tatsache, dass ein äußerst großer Teil von Aktivist*innen wohl der Ansicht war, nach drei Wochen eine Revolution verstehen zu können, ohne sich mit einem der drei grundlegenden Ziele – der Befreiung der Frau – überhaupt nur auseinandergesetzt zu haben. Ich war nun über ein Jahr dort, habe die Sprache gelernt, habe die Gesellschaft kennen gelernt, habe einige Bücher Öcalans gelesen, habe enorm viel diskutiert und in der Praxis mitgearbeitet. Und dennoch würde ich mir nie erlauben zu behaupten, ich hätte diese Revolution verstanden und könnte mein so sehnsüchtig erwartetes Urteil einer westlichen Person abgeben, da, wie wir ja alle wissen, im Osten nur Korruption, Zivilisationslosigkeit und Unfähigkeit herrschen.Rojava

Wie viele Männer habe ich in Rojava kennen gelernt, die sich vorgenommen hatten, die »richtige« Revolution nach Rojava zu bringen. Männer, die nicht einmal wissen, wie sie sich selbst am Leben erhalten können, dafür angewiesen sind auf Fertigpizza und Thunfisch aus der Dose. Männer, die nicht wissen, wie sie in ihrem Kollektiv unterstützend und für ihre Freund*innen sorgend handeln können. Und sie wollen ernsthaft behaupten, sie wären Kräfte der »richtigen« Revolution? Die einfach nur aufgrund der großen repressiven Übermacht im Zentrum des Kapitalismus auf die Peripherie ausweichen müssen, aber an sich ja schon fertige, aber eben leider verhinderte Revolutionäre seien? Warum nur bestätigt sich so sehr der Eindruck, dass die die Revolution verteidigenden und die Gesellschaft aufbauenden Mütter in Rojava dem Bild vom revolutionären Subjekt viel näher kommen als diese, »Entschuldigung«, lächerlichen, verlorenen Gestalten?

Und wo sind die revolutionären Frauen*? Die sind aufgrund ihrer kritisch-distanzierten Haltung zu patriarchalem Verhalten erst gar nicht hier angekommen. Nun, ein etwas verkorkster Start dafür, dass wir schon so viele Erfahrungen mit Internationalismus gemacht haben hätten können. Ein Abgleich mit der scheinbar kaum vorhandenen Realität des theoretisch korrekten Konzepts critical whiteness.

Ich denke, es gibt zwei Annäherungen an Internationalismus und daraus resultierende Konsequenzen für den revolutionären Kampf, die wir gut analysieren sollten. Diese eine, gerade beschriebene, eurozentristische und sehr patriarchale Herangehensweise, die sich selbst als einzigen Maßstab setzt und es dadurch nicht schafft, wirklich zu lernen, also die aus dem andro- und eurozentristischen Wahrheitsregime resultierenden Probleme zu erkennen und zu überwinden. Gleichzeitig aber auch die andere, zweifelnde, kritisierende, distanziert bleibende Annäherung von vor allem sich als feministisch oder poststrukturalistisch verstehenden Personen, die keine Erfahrung möglich macht und sich damit ebenfalls nicht wirklich aus den festgefahrenen Strukturen befreien kann. Bleibt das Erhöhen/Aufwerten von theoretischem Wissen gegenüber durch praktische Erfahrung erworbenem Wissen nicht ebenfalls im patriarchalen Maßstab stecken?

Ich will diesen Punkt noch ein wenig genauer erklären: Einige meiner Weggefährt*innen waren der Meinung, aufgrund der (theoretisch) erkannten Widersprüche nicht nach Rojava gehen zu können, da diese Handlung an sich eurozentristisch sei. Ich war der Meinung, dass wir die Sackgasse nur überwinden können, wenn wir für eine kurze Zeit ausbrechen und – vor allem dies! – die theoretischen Überlegungen durch Erfahrungen in der Praxis vervollständigen, um wirklich voranzukommen. Ich denke, wir sollten bei aller Korrektheit die konkrete Arbeit, den konkreten gemeinsamen Kampf nicht außer Acht lassen. Denn sonst wird Theorie schnell zur Ausrede, zum Fernbleiben, zum Vermeiden von Veränderung. Zur Stütze des bestehenden Systems. Natürlich machen wir alle Fehler. Aber das gehört dazu, denn nur durch sie können wir lernen. Natürlich werden wir uns gegenseitig verletzen. Aber gemeinsam geführte Auseinandersetzungen werden uns stark machen. Durch sie wird sich das Gemeinsame in unserem Kampf herauskristallisieren.

Ich muss sagen, dass ich mit critical whiteness, zumindest wie ich es im universitären Rahmen gelernt habe, nicht sehr viel anfangen kann. Ich komme darin mit meinen Kämpfen nicht mehr vor. Ich fühle mich damit, als könnte ich keinen Schritt aus meiner »privilegierten« Situation herauskommen. Dabei empfinde ich meine Situation alles andere als privilegiert. Ich komme aus einer prekär lebenden Familie. Ich bin eine Frau. Ich bin ein Mensch, der einfach nicht im Kapitalismus leben kann, der es nicht ertragen kann, wie Millionen Menschen daran zugrunde gehen. Und ich denke, dass dies die verbindenden Elemente sind. Wir alle sind auf der Suche danach, was eigentlich ein Mensch ist, was Leben, Zusammen-Leben bedeutet. Was mit uns passiert ist, dass wir uns so weit davon entfernen konnten. Dass wir uns heute Bilder anschauen können von verstümmelten Leichen, ohne mit der Wimper zu zucken. Oder dass wir sie uns gar nicht mehr anschauen. Um weiterhin zu funktionieren. Um uns das letzte kleine Türchen offenzuhalten, das uns ermöglicht, wieder mitzumachen.

Unser Privileg ist wohl diese Schwebe. Dass wir uns in dieses mörderische System integrieren lassen könnten, wenn wir wollten, und dass wir uns einfach nicht entscheiden müssen. Aber ist diese Möglichkeit der Mittäter*innenschaft wirklich ein Privileg? Und müssen wir, wenn wir Menschen sein wollen, uns wirklich nicht entscheiden? Haben wir wirklich eine Wahl? Können wir wirklich damit leben, dass wir Teil eines menschenverachtenden, menschenausbeutenden, menschenmordenden Systems sind? Wir reden immer davon, es gäbe keine Alternative. Klar, wer außer uns allen soll diese denn schaffen? Ist nicht das ebenfalls purster Eurozentrismus? So lange zu warten, bis die am direktesten von Gewalt und Ausbeutung Betroffenen eine Alternative geschaffen haben? Um dann auf den fahrenden Zug zu springen?! Das kann es doch auch nicht sein.

Die revolutionären regionalen Kämpfe zeigen uns doch, dass es Alternativen gibt. Wieso sollten wir nicht dazu fähig sein? Doch wohl einzig und allein nur deshalb, weil wir uns nicht zugestehen können, dass wir Angst haben, dass wir uns zu schwach dazu fühlen. Weil wir nicht mehr an uns glauben. Weil dieses System unsere gesamte Selbstachtung zerstört. Ist es wirklich ein Privileg, zum Schräubchen im Getriebe gemacht zu werden? Ist es wirklich ein Privileg, die Niedertracht zu erkennen und sich handlungsunfähig zu fühlen? Ist es wirklich ein Privileg zu glauben, sich den Aufgaben nicht stellen zu können?

Lasst uns das nicht mehr hinter dem Begriff »Privilegien« verstecken. Lasst es uns angehen. Lasst uns lernen. Lasst uns stärker werden, lasst uns mit all unseren Stärken und Schwächen GEMEINSAM für ein menschliches Leben kämpfen! Es ist nicht unbedingt notwendig, dafür nach Rojava zu gehen. Oder Bakûr. Oder Chiapas. Es gibt genügend Möglichkeiten des gemeinsamen praktischen Kampfes hier. Warum gehen so viele »Linke« nicht auf die Demos der kurdischen Gesellschaft? Wegen des »Führerkults«. Ok, aber geht doch diese Widersprüche an! Wer von diesen »Linken« ist denn schon einmal in den Verein gegangen und hat gesagt, Leute, ich verstehe das nicht, erklärt es mir bitte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie vieles besser verstanden hätten, dass sie Lust hätten, gemeinsam für die Freiheit von Öcalan auf die Straße zu gehen und dass sie aber auch ein offenes Ohr für Kritik finden würden. Das ist die essentielle Grundlage des gemeinsamen, weltweiten revolutionären Kampfes: respektvolle Kritik und der Wille zu verstehen und voneinander zu lernen. Natürlich gibt es tausende Baustellen, tausende Fehler, tausende Unzulänglichkeiten. Aber die Frage ist doch, welche Konsequenz wir daraus ziehen. Sehen wir uns klassisch im Recht der Kolonialist*innen, alles aus unserer Sicht zu bewerten und zu kritisieren? Oder sehen wir uns als Teil der Lösung und bringen uns ein.

Übernommen aus dem Kurdistan Report

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