«Rojava ist ein Labor, das Umwelt und Gesellschaft mit dem Kommunalismus verbindet.»

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Ein Gespräch zwischen zwei Gilets Jaunes auf dem Weg nach Rojava, wo sie für ihre Bewegung und den ökologischen Kampf lernen wollen.

Kannst du dich vorstellen?

Ich bin Agronom aus Frankreich und habe den grössten Teil meines Berufslebens in Mittelamerika, Afrika und in Asien gearbeitet. Meine Leidenschaft, mein Lebensinhalt sind die Umwelt und der Kommunalismus. Das sind zwei Dinge, die zusammenpassen. Und du?

Ich habe mein Leben mit dir verbracht und bin über siebzig Jahre alt. Die Jugend heute, die für die Umwelt, für die Demokratie, für starke Ideale kämpft, geht viele Risiken ein, die sich auf ihr ganzes Leben auswirken können. Wenn wir heute hier auf dem Weg nach Rojava sind, ist mir wichtig zu betonen, dass wir, die älteren Menschen, die wir die Chance hatten, ein gut gelaufenes Leben zu führen, im Namen der Jugend einige Risiken eingehen können – wir müssen sie eingehen. Du bist Teil der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich und beteiligst dich jede Woche an Demonstrationen. Was ist deine Motivation?

Wie du bin ich auch über siebzig Jahre alt und meine Motivation ist die gleiche. Ich übernehme die Verantwortung, dazu beigetragen zu haben, unsere Welt in die gegenwärtige Situation zu bringen, d.h. nicht von Beginn an für eine bäuerliche Landwirtschaft und eine echte Demokratie gekämpft zu haben.

Wir wollten nach Rojava reisen. Warum?

Rojava ist neben Chiapas das grösste Labor, das je existiert hat auf der Suche nach einem System, das Umwelt und Gesellschaft mit dem Kommunalismus verbindet – wie unter anderem von Murray Bookchin beschrieben. So war es für mich eine Pflicht, Rojava zu besuchen. Nicht als Tourist, sondern im Versuch meinen Beitrag zu leisten durch das Pflanzen von dürreresistenten Bäumen mittels Direktsaatsystemen. Und vor allem auch, um von ihnen zu lernen, wie sie diese einzigartige Revolution unter Einbezug der gesamten Bevölkerung begonnen haben. Jede*r Bewohner*in hat eine Stimme, unabhängig von Ethnie, Religion oder Geschlecht.

Ich bin auch hergereist, anfangs mit viel Angst. Weil ich verstehen, sehen und dann vor allem Erfahrungen teilen wollte, wenn wir zurückkehren. Denn an unserem Kreisel der Gilets Jaunes sprachen wir über Rojava und merkten, dass es niemand um uns herum kannte. Dass wir diesen Schritt gemacht haben, hat viele Türen geöffnet. Gestern zum Beispiel habe ich eine E-Mail einer Freundin der Gilets Jaunes erhalten, die ich vor drei Monaten noch nicht gekannt hatte und die mich fragte: «Wie kann ich ein paar Euro nach Rojava schicken? Ich will die Kurd*innen unterstützen.» Und ich antwortete ihr: «Um Rojava zu unterstützen, sind die Aktionen, die du mit den Gilets Jaunes durchführst, der beste Beitrag. Weil du versuchst zu teilen, uns eine andere Lebensweise mit anderen zu ermöglichen und einander immer besser zu verstehen.»

Ich habe auch gelesen, wenn man jemanden aus Rojava fragt: «Was können wir tun, um euch zu unterstützen», antworten sie: «Schickt uns keine Hilfe, schickt uns kein Geld, tut, was wir tun und sobald es genug von uns auf dem Planeten geben wird, um den Kommunalismus umzusetzen, um angepasste Lösungen für jedes Land zu finden, werden wir gewonnen haben.»

Zurück zu den Gilets Jaunes. Die Bewegung begann wegen einer Steuer, die die Regierung auf Treibstoff erheben wollte. Zuerst dachten alle, es sei eine Bewegung, die nichts Ökologisches an sich hatte, eine Bewegung der Wut, der kleinen Französ*innen, der kleinen Konsument*innen. Aber es hat sich herausgestellt, dass es überhaupt nicht so war. Dass es eine Bewegung all jener ist, die diese Lebensweise nicht mehr wollen, die diesen Würgegriff der Grossen über die Kleinen, diese Aneignung der Wirtschaft durch diejenigen, die unsere Welt finanzieren und uns alle Arten von Lebensweisen aufzwingen, nicht mehr ertragen können. Die Gilets Jaunes stellen alles in Frage. Wir haben festgestellt, dass wir aus allen Altersgruppen, allen Lebensbereichen, allen Herkunftsorten, allen sozialen Schichten kommen. Gemeinsam im Kreisel, an den Demonstrationen jeden Samstag begegnen wir uns, wir tauschen uns aus, wir teilen. Wir sehen, dass wir am Anfang wirklich von sehr unterschiedlichen Hintergründen kamen, aber wir haben das gleiche Ziel, nämlich eine andere Form der Gesellschaft zu finden. Es ist also nicht einfach, aber ich bin optimistisch. Ich denke, dass wir es nach und nach mit vielen Schwierigkeiten schaffen werden. Aber wir haben eine Regierung, die uns nicht verstehen will und uns sehr heftig unterdrückt. Wir müssen auch gegen diese polizeiliche Repression kämpfen, die wirklich sehr hart ist. Von den Erfahrungen, die wir auf dem Weg nach Rojava machen, was bringt dir am meisten? Kannst du es mit den Erfahrungen aus der Gilets Jaunes Bewegung vergleichen?

Wir haben eine Gruppe von Aktivist*innen kennengelernt, die sich sehr schnell spontan selber organisiert hat. Mittels Methoden, die in Rojava entwickelt wurden und die einige kannten und lehrten. Insbesondere die Tekmil-Methode, die es ermöglicht, sich gegenseitig zu verstehen und in der Runde Kritik und Selbstkritik zu üben für Verhalten, das nicht gut für die Gruppe ist. Wir sind alle sehr unterschiedlich, aber es hat nie einen persönlichen Angriff gegeben. Kritik ist immer konstruktiv.

Und im Vergleich dazu bei den Gilets Jaunes?

Bei den Gilets Jaunes hatten wir sehr schnell Schwierigkeiten, weil wir sehr unterschiedliche Menschen waren und auch einen gewissen Machismus hatten. Es gibt viele Frauen bei den Gilets Jaunes und Machismus ist ein echtes Problem, das geklärt werden kann, indem man diese Methoden anwendet. Denn die Kurd*innen und Araber*innen in Rojava sind auch patriarchal und sie haben schnell verstanden, wie wichtig es für die Gruppe, für das allgemeine Interesse ist, Frauen ihre Rolle zurückzugeben.

Wenn wir von den Gilets Jaunes am Samstagmorgen bei unserem Kreisel sind, wenn wir jede Woche Flugblätter zu einem anderen Thema verteilen, stoppen wir die Autos. Autos halten an oder halten nicht an, öffnen die Fenster oder öffnen sie nicht, hupen um Zugehörigkeit auszudrücken oder hupen nicht. Acht von zehn Autos, die die Fenster öffnen, sind Frauen. Am meisten nehmen wir wahr, dass sich Frauen so solidarisch fühlen, vermutlich mehr als Männer. Und vermutlich aufmerksamer als Männer und bereitwilliger zur Teilnahme sind.

Das stimmt. Eine Frage war, werden wir trotz der Schwierigkeiten – auch der Frage des Überlebens von Rojava – weiter für Rojava kämpfen? Die Antwort ist ja. Wir werden weiterhin das Make Rojava Green Again Buch verteilen, das viele interessiert und Wurzeln schlägt. Wir haben gesehen, wie Menschen aus Afrika oder Lateinamerika Interesse gezeigt haben und uns erneut nach diesen Büchern fragen. Wir werden weiterarbeiten, hoffentlich auch mit dieser Gruppe, die wir hier auf dem Weg nach Rojava getroffen haben.

Ich möchte mit einem Wort meiner Tochter schliessen, der ich meine Verzweiflung über den türkischen Angriffskrieg mitgeteilt habe. Ich sagte ihr: «Es ist schrecklich. Der Traum von Rojava liegt im Sterben.» Und sie antwortete mir: «Ein Traum stirbt nie. Rojava wird Kinder machen und wir müssen diesen Kindern helfen, geboren zu werden.»