„Ich traf Lorenzo in unserer Basis, als ich mich den Reihen der Têkoşîna Anarşîst anschloss. Er war nicht da. Ich verbrachte ein paar Wochen mit anderen Freunden. Es war Winter, es war kalt, als Heval Tekoşer mit anderen Genossen kam. Damals traf ich ihn. Er kam von der Front. Er war müde, schmutzig und ihm war ein bisschen kalt. Ich glaube, er war sehr müde. Es war nicht sein erster Einsatz in Deir-ez-Zor. Und dieses Mal, im Januar 2019, kam er von der Front zurück.
Wir trafen uns, wir unterhielten uns ein wenig, aber er war im Allgemeinen nicht sehr gesprächig, obwohl er ein sehr warmherziger Mensch war. In den folgenden Wochen lernte ich ihn etwas besser kennen. Das Erste, was mir an ihm auffiel, war sein Auftreten, seine Art, seine Präsenz in unserem gemeinsamen Raum. Er war stämmig, nicht sehr groß. Er war ein starker Mensch und hatte eine starke Ausstrahlung.
Heval Tekoşer war von Beruf Sommelier und er beherrschte sein Handwerk sehr gut. Er konnte gut kochen. Aus dem Nichts, was auch immer die Logistik uns brachte, konnte er alles zubereiten, was wir zur Verfügung hatten. Er konnte daraus etwas wirklich Leckeres zaubern. Zu besonderen Anlässen machte er Gnocchi, er fand ganz besondere Zutaten für dieses Gericht. Er gab sich wirklich Mühe, etwas Schönes für die Freunde zuzubereiten.
Ich habe auch versucht, mit ihm mich zu unterhalten, aber wie gesagt, er war nicht sehr gesprächig. Meistens, so wie ich mich an ihn erinnere, saß er in unserem Hof, schrieb sein Tagebuch, hielt seine Erinnerungen von der Front fest, seine Erinnerungen an das, was er in der Rojava-Revolution gesehen hatte, was er erlebt hatte, an die Menschen, die er getroffen hatte.
Ehrlich gesagt war Heval Tekoşer jemand, den man am besten bei gemeinsamer Arbeit und im gemeinsamen Leben kennenlernt. So gelang es mir nach ein paar Wochen auch, ihn ein bisschen besser kennenzulernen. Ich erinnere mich an unser erstes Treffen. Wir diskutierten über eine strittige Frage und ich erinnere mich, dass wir uns nicht einigen konnten. Ich erinnere mich, dass ich dieses Treffen mit einem Gefühl verließ; ich sagte mir: Okay, das wird schwierig für ihn, das wird nicht einfach mit diesem Genossen.
Tatsächlich war es so: In den folgenden Wochen war es nicht einfach, ihn kennenzulernen, aber ich erinnere mich an ein weiteres Erlebnis, das sich in unserer Basis ereignete, bei dem ich sein Herz sah, bei dem ich sah, wie rein sein Herz ist. Ein Genosse von uns hatte ein Problem, und wir hielten eine Tekmil ab. Heval Tekoşer begann, diesen Freund zu kritisieren, und als ich hörte, wie er sprach und was er sagte, begegnete ich wirklich einem neuen Menschen; mir wurde klar, dass ich Heval Têkoşer nicht richtig kennengelernt hatte.
Seine Worte und seine Art der Kritik sowie die Perspektive, die er diesem Freund entgegenbrachte, waren tatsächlich von Liebe geprägt, und an der Art, wie er sprach, konnte man erkennen, dass er aus einem Gefühl der Kameradschaft und der Empathie heraus handelte; er sprach aus Empathie. Es war eine tiefgründige und ehrliche Perspektive, die er diesem Freund vermittelte.
Als ich zuhörte, änderte sich meine Sicht auf diesen Freund wirklich. Mir wurde klar, dass auch ich in meinem Urteil über den Freund oberflächlich war, und das war wirklich eine wichtige Lektion für mich. Manchmal haben wir vielleicht Meinungsverschiedenheiten, manchmal sind wir vielleicht nicht die besten Freunde, aber wenn einer von uns als Şehid (Märtyrer) fällt, zeigt sich in diesem Moment die wahre Bedeutung der Kamerad- und Freundschaft.
Mir wurde der Wert und die Kostbarkeit unserer Freundschaft, unserer Kameradschaft, des Zusammenseins in derselben Gruppe, in derselben Organisation bewusst – das ist etwas, das sich mit der Zeit aufbaut, und vielleicht erkennt man den wahren Wert davon nicht sofort, und Heval Têkoşer war so, und es brauchte etwas Zeit, um seine Persönlichkeit verstehen zu können.
Er war kein einfacher Soldat oder so etwas, err war ein sehr kluger Mensch. Er gab sich große Mühe, Kurdisch zu lernen und auch beim Schreiben, Studieren und Lernen, er las viele Bücher.
Er baute gute Beziehungen zu den Genossen um uns herum auf. Natürlich gab es manchmal Konflikte, und dann zeigte sich das warme Blut von Heval Têkoşer. Wenn er provoziert wurde oder sich aufregte, konnte er viele Dinge sagen, die einem die Haare zu Berge stehen ließen, aber fünf Minuten später hatte er den Vorfall schon wieder vergessen. Er hegte keinen Groll. Er legte großen Wert auf gute Beziehungen zu den Genossen. Ich denke, darin liegt eine wichtige Lektion.
Ja, Genossinnen und Genossen erinnern sich an Heval Têkoşer als einen furchtlosen Kämpfer, der Erfahrungen aus Afrîn hatte, der Erfahrungen aus Deir-ez-Zor hatte, der keine Angst hatte, für die Sache einzustehen, für die er gekommen war, um die Rojava-Revolution zu unterstützen. Er glaubte fest an die Werte der Frauenbefreiung und der Demokratie. Er leistete seinen Beitrag.
Und vielleicht kann ich eine Geschichte über ihn erzählen. Heval Têkoşer, er hatte einige Besonderheiten. Eine dieser Besonderheiten war die Nobet (Nachtwache).
Wie ihr vielleicht wisst, wenn ihr selbst Erfahrung mit der Nobet habt, mit der Nachtwache, versuchen manchmal Genossen, euch zu täuschen, wenn ihr sie weckt. Sie wachen nicht auf, sondern sagen euch, dass sie aufgewacht sind.
Aber Heval Têkoşer war nicht so. Um Heval Têkoşer zu wecken, musste man eine bestimmte Vorgehensweise lernen. Man musste zu ihm gehen und ihn so lange wecken, bis man ein Geräusch hörte, wie ein Grunzen – das bedeutete, dass er aufgewacht war. Danach tat man nichts weiter. Man ließ ihn seine Zigarette im Bett rauchen. Und dann, sobald man 10 Minuten später aufwachte – ohne Ausnahme –, war er auf seinem Posten, mit einem Munitionsgurt, mit seiner Waffe, bereit, die Wache zu übernehmen.
Aber wenn man Pech hatte und versuchte, ihn noch weiter zu wecken und aus dem Bett zu holen, sah man sich sehr bald einem wütenden und fluchenden Italiener gegenüber. Es war für Heval Têkoşer sehr wichtig, aufzuwachen und sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er nicht nur aufwachen, sondern auch nachts Wache halten musste. Und in der Kälte – wenn man ihm diese 10 Minuten gab, um sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, war er ohne Ausnahme zur Stelle.
Hier steht der Gedenkstein für Heval Têkoşer, den wir dort aufgestellt haben, um seinen Beitrag zum Kampf zu würdigen und ihm zu gedenken. Es ist nur ein Gedenkstein, hier gibt es kein Grab. Wir haben es geschafft, seinen Leichnam in seine Heimat zurückzubringen, aber hier kommen wir manchmal her, um zu sitzen und an unseren verstorbenen Genossen zu denken. An den Beitrag, den er geleistet hat, an die Bedeutung, die sein Leben hatte, um kurz Hallo zu sagen.“