Wieso nach Rojava? – Interview mit Mitgliedern der jungen Internationalistischen Kommune

630 0

Die Internationalistische Kommune ist ein Ort an dem Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen um sich über die ideologischen Grundlagen der revolutionären Bewegung in Kurdistan zu informieren und sich an der Revolution in Rojava zu beteiligen. Um ein wenig von der Realität der InternationalistInnen die nach Rojava kommen zu erfahren haben wir vier Mitglieder der Internationalistischen Kommune gebeten, uns zu erzählen, was ihre Beweggründe waren hierher zu kommen und was sie bisher am meisten beeinflusst hat.

Bruno, Deutschland

Ich bin ein Internationalist aus Europa. Ich bin nach Rojava gekommen weil die Ideologie der kurdischen Freiheitsbewegung und der demokratische Konföderalismus grossartige Quellen der Hoffnung und des Verständnisses sind.

Ich komme aus der radikalen Linken in Deutschland. Dort habe ich gesehen, dass die Mentalität des Systems auch vor der Linken nicht Halt macht. Individualismus, Liberalismus, patriarchalisches Verhalten, Reformismus oder eine große Hoffnungslosigkeit sind vorherrschende Phänomene.

Ich bin hierher gekommen um in der Revolution eine Haltung zu entwickeln, die dem auf Dauer standhalten und einen anderen Weg einschlagen kann. Das Leben und die Gesellschaften in Europa sind zersplittert, durch den Kapitalismus sehr isoliert, und weit entfernt von einem kollektiven Verständnis. Das macht es uns sehr schwer ein Leben nach gemeinschaftlichen und sozialistischen Prinzipien zu führen.

Zurzeit findet in Rojava und Kurdistan eine der wichtigsten Revolutionen unserer Zeit statt. Für Revolutionäre und all jene, die nach einem Ausweg aus der kapitalistischen Herrschaft suchen, ist sie ein wichtiger Bezugspunkt und Hoffnungsfunke. Diesen Hoffnungsfunken zu unterstützen und zu verteidigen, durch Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Aufklärung und Berichterstattung vor Ort, ist auch ein wichtiger Grund warum ich hierher gekommen bin. Um die Revolution in Rojava kennenzulernen ist die Internationalistische Kommune der ideale Ort. Hier lernen wir die Kultur der Region, die Sprache und die politischen Besonderheiten der Revolution kennen.

Auch der gemeinsame Austausch über die Situation in unseren Heimatländern ist eine wertvolle Erfahrung. Hier findet ein Bewusstwerdungsprozess statt und bietet die Möglichkeit das wir uns entsprechend den revolutionären Notwendigkeiten organisieren können, um unseren Platz in verschiedenen Arbeiten zu finden.

Es ist der ideale Ort, um sich über den revolutionären Prozess hier zu informieren und die Arbeiten vor Ort in Angriff zu nehmen.

Im Kollektiv zu leben und zu lernen sich gegenseitig zu helfen, sich zu entwickeln, die Mentalitäten des Systems und des Patriarchats zu reflektieren und zu verändern, ist eine sehr gute Erfahrung. Das Verständnis von Kritik, nämlich als etwas, das uns weiterbringt und uns hilft uns zu verändern anstatt uns damit über andere zu stellen ist ein wichtiger Teil dieser gegenseitigen Hilfe. Nach einiger Zeit des Zusammenlebens und des gegenseitigen Kritisierens entsteht ein tiefes Verständnis und eine Verbindung zueinander. DieseVerbindungen sind das, was die revolutionäre Organisierung braucht und es ist hier in der Internationalistischen Kommune möglich die Fähigkeit zum gemeinsamen Lernen und zur gemeinsamen Entwicklung aufzubauen.

Tekoşer, USA

Ich kam Anfang 2020 zum ersten Mal nach Rojava. Ich kam mit der Absicht hierher an der Revolution teilzunehmen und von der kurdischen Befreiungsbewegung zu lernen, von ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der revolutionären Praxis. Ich kam mit geringen Erwartungen nach Rojava, aber etwas, das mich überraschte war der echte Sinn für Gemeinschaft der hier noch sehr lebendig ist, während er in Europa fast tot ist. In Rojava und anderswo im Nahen Osten atmet die Gesellschaft noch, und unsere Revolution bewahrt sie nicht nur, sondern bringt sie auf eine neue Entwicklungsstufe. In dem ersten Dorf in dem ich lebte brachten uns die NachbarInnen oft Joghurt und Lebensmittel die sie selbst hergestellt hatten. Damals war mir diese Art von Verhalten noch sehr fremd, aber ich erkannte bald, dass die Gesellschaft so sein sollte; und natürlich wird dieses Geben ohne Erwartung einer Gegenleistung erwidert. Für uns als RevolutionärInnen, die im Kern des Neoliberalismus aufgewachsen sind, ist es wichtig, von der Lebensweise zu lernen die in Rojava noch überlebt hat. Während meines gesamten Aufenthalts in Rojava habe ich diese Lebensweise in jedem Dorf in dem ich war, erlebt. Viele dieser Familien haben so viel für den Erfolg der Revolution gegeben. Ihre MärtyrerInnen und ihr Engagement in der Bewegung überbrücken den Abstand zwischen uns, und jedes Familienmitglied fühlt sich wie ein/e GenossInn an.

Neben den Erfahrungen, die ich hier in der Gesellschaft gemacht habe, hatte die Bildung in der Bewegung den größten Einfluss auf meine persönliche Entwicklung. Den tiefen Einfluss des Patriarchats in Frage zu stellen war ein sehr schwieriger Prozess, vor allem in Anbetracht meines Hintergrunds, und ohne diese Bildung kann ich mit Sicherheit sagen dass ich nicht nur nicht an seiner Überwindung arbeiten würde, sondern mir auch das Ausmaß des Einflusses nicht bewusst wäre. Diese Art Kämpfe sind notwendig um eine wirklich revolutionäre, militante Denkweise zu entwickeln und etwas das ich außerhalb der kurdischen Befreiungsbewegung nicht finden konnte.

Christoph, Schweiz

Ich kam nach Rojava mit einer Mischung aus dem ernsthaften Bestreben die Welt zu verändern und ein wenig Abenteuerlust. Bevor ich hierher kam wusste ich ein wenig über die Revolution, aber nichts über die kurdische Kultur. Daher ist die Internationalistische Kommune mit ihrer Funktion als Schnittstelle zwischen der lokalen Kultur, Ideologie und Revolution und dem Ort, aus dem ich komme, wirklich sehr hilfreich für mich. Ich bin sehr dankbar für alle FreundInnen, die viel Aufwand und Energie in den Aufbau der Kommune gesteckt haben.

In den 2 Monaten, seit ich hier bin, hat sich meine Sichtweise auf viele Dinge sehr verändert. Mit genügend Abstand zum System, dessen Ideologie, und den Umständen in denen ich aufgewachsen bin, ist es viel einfacher, klar zu sehen wie stark diese meinen Charakter geformt haben. In der Kommune schaffen wir gemeinsam ein Umfeld, das diesen inneren Prozess aktiv vorantreibt. Natürlich fühle ich mich dadurch oft verwirrt mit meinen Gefühlen, Gedanken und Bedürfnissen, was sich nicht wirklich angenehm anfühlt. Ich habe hier so etwas wie eine Identitätskrise.

Aber mit sich selbst zu ringen, ist eigentlich das Ziel. Dabei helfen wir uns natürlich gegenseitig. Wir sprechen auch viel darüber, was eine revolutionäre Persönlichkeit ist und welche Methoden und Kämpfe nötig sind, um sich zu entwickeln.

Es gab einige Momente, an die ich wirklich gute Erinnerungen habe. Einer davon war zum Beispiel der Tag, an dem wir nach zwei Wochen eines selbst organisierten Bildungsblocks die Persönlichkeiten der jeweils anderen analysiert und heftig kritisiert haben. Dort zu stehen und all die Kritik von den Freunden zu bekommen, zu wissen das alle davon nur das Beste für mich wollen, war ein wertvolleres Geschenk, als ich mir zuvor vorstellen konnte.

Ein anderes Mal besuchten wir eine Familie mit drei Kindern und blieben über Nacht.

Eingeladen zu werden, herzlich empfangen und umsorgt zu werden, war sehr kostbar. Auch der freudige Umgang mit den Kindern und ihr gemeinschaftliches Handeln sind mir in guter Erinnerung. Und zu guter Letzt: Ich tanze sehr gerne die traditionellen kurdischen Tänze. In der nahe gelegenen Stadt gab es eine große kulturelle Veranstaltung. Alle nahmen sich an den Händen und wir bildeten beim Tanzen einen großen Kreis. Irgendwie hat uns das alle miteinanderverbunden.

Mário, Portugal

In meinem Heimatland wusste ich nicht was ich tun und wie ich leben sollte. Ich konnte es weder akzeptieren noch ertragen in das System integriert zu sein, ein individualistisches Leben zu führen und ein Werkzeug des kapitalistischen Systems zu sein. Das einzig Richtige war für eine Revolution zu kämpfen, aber es gab keinen revolutionären Kampf, der sich wirklich und aktiv gegen das System richtete, dem ich mich anschließen hätte können und ich war auch nicht in der Lage meinen eigenen zu entwickeln, da ich im Allgemeinen isoliert und von Liberalismus umgeben war.

Angesichts dieser Situation erschienen mir die Revolution von Rojava und die kurdische Freiheitsbewegung wie ein Höhepunkt der Hoffnung auf eine echte und weltweite Befreiung, ein revolutionärer Kampf der eine Alternative zum kapitalistischen System des 21. Jahrhunderts bietet, ein Kampf, der in der Lage ist sich durch Kritik und Selbstkritik neu zu erfinden, den Liberalismus abzulehnen und sich gegen die Wurzeln der Unterdrückung zu stellen, die Wurzeln des 5000 Jahre alten patriarchalischen Staatssystems.

Ich hatte schon seit geraumer Zeit darüber nachgedacht nach Rojava zu gehen, auf die Suche nach einem sinnvollen Leben und um mich als Revolutionär zu entwickeln. So erschien die Internationalistische Kommune als eine Möglichkeit nach Rojava zu kommen und sich mit der kurdischen revolutionären Bewegung zu beschäftigen, ideologische Bildung zu erfahren und besser zu verstehen wie ich einen revolutionären Kampf in meinem eigenen Land entwickeln kann, auch wenn das noch sehr weit entfernt ist. Ich denke, es ist eine gute Gelegenheit für InternationalistInnen auf der ganzen Welt, die Realität einer revolutionären Bewegung zu sehen und besser zu erkennen, welche Rolle die liberale Ideologie dabei spielt, die Entstehung revolutionärer Kämpfe zu verhindern und wie wir dafür kämpfen können, sie zu überwinden. Es hat natürlich auch das Potential, die internationalistischen Verbindungen zu stärken, nicht nur mit der kurdischen Bewegung, sondern auch zwischen den Ländern der InternationalistInnen, die hier zusammenkommen, und auch voneinander zu lernen.

Indem ich mich hier durch die Internationalistische Kommune mit der revolutionären Bewegung und ihren Methoden auseinandersetze, entwickle ich eine bessere Verbindung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Fühlen, Denken und Handeln, und zwar im gemeinschaftlichen Leben und entwickle auf diese Weise eine Reihe von Aspekten, um eine revolutionäre Haltung zu entwickeln. Für diese Bewegung ist der innere Kampf vielleicht der wichtigste, da es für RevolutionärInnen von grundlegender Bedeutung ist, in Übereinstimmung mit ihren Prinzipien zu handeln, wenn ihr Ziel darin besteht, sie in der gesamten Gesellschaft zu verbreiten. In diesem Sinne sind Kritik und Selbstkritik von größter Bedeutung, da unser Charakter tief durch das Umfeld in dem wir aufgewachsen sind geprägt wurde.

Eine Sache, von der ich sagen kann, dass sie einen besonderen Einfluss auf mich hatte, war eine Plattform, die am Ende einer Ausbildung stattfindet. Hier analysiert jeder sich selbst und seine Teilnahme an der Ausbildung, und wird dann von seinen MitstreiterInnen analysiert und kritisiert. Dies soll nicht demotivierend wirken, sondern helfen und alle anspornen, sich als RevolutionärIn zu verbessern. Meiner Erfahrung nach ist dies ein wichtiger Moment der Erneuerung der revolutionären Perspektive und Denkweise gewesen.

Wenn du daran interessiert bist, zur Internationalistischen Kommune zu kommen, schreibe uns an [email protected] oder schau dir die Informationsseite zum beitreten der Revolution an.

Es gibt auch andere Möglichkeiten, die Revolution zu unterstützen, wie z.B. die Organisation aller Arten von Veranstaltungen, um ihr Sichtbarkeit und materielle Hilfe zu verschaffen, ihre Ideologie und Methoden zu verbreiten und die Angriffe des türkischen faschistischen Staates anzuprangern um auch andere Einrichtungen unter Druck zu setzen, Stellung zu beziehen..