Die PKK hat die Vorreiterrolle des Demokratischen Sozialismus inne

von Duran Kalkan, Mitglied des Exekutivausschusses der KCK

Zweifellos hängt der Erfolg einer Revolution auch davon ab, dass Theorie und Praxis sowohl national und regional wie auch international entwickelt und umgesetzt werden.

Keine Revolution kann sich von ihrer Region und den internationalen Kämpfen losgelöst begreifen und allein national erfolgreich sein. Das wäre ein sehr beschränktes und nationalistisches Denken. Natürlich können auch ohne regionalen und ausschließlich mit internationalistischem Bezug keine revolutionäre Theorie und Praxis entwickelt werden. Der Gefahr, diesen beiden Fehlern aufzusitzen – dem Nationalismus und der dogmatisch und theorielastig daherkommenden »internationalistischen« Haltung –, sind alle revolutionären Bewegungen ausgesetzt, die sich auf nationale, klassen- und geschlechterbasierte Widersprüche stützen. Insbesondere in den nationalen Befreiungsbewegungen hat sich die enge nationale Linie als prägend gezeigt und für den Erfolg war es entscheidend, nicht in lokale, nationale Engstirnigkeit zurückzufallen.

Diese allgemeine revolutionäre Richtlinie ist ohne Zweifel auch für die Revolution Kurdistans und die Entwicklung der PKK gültig. Im Kampf der PKK – als ein Kampf um die Freiheit und Existenz für ein Land und eine Gesellschaft, die sprichwörtlich wie Kurdistan zerteilt sind, deren Name und Identität verboten und mit Verleugnung und Vernichtung konfrontiert sind – war die richtige Entwicklung sowohl der nationalen als auch der internationalen Aspekte zwingend. Die PKK hat es mehr als alle anderen ideologisch-politischen Strömungen in Kurdistan geschafft, sowohl die nationalen wie auch die internationalen Aspekte des Kampfes erfolgreich zu entwickeln und Kurdistan als einen Teil des globalen Kampfes der Freiheitsbewegungen zu begreifen. Für diese Entwicklung haben die kreativen und alle Aspekte des Kampfes umfassenden Analysen des Vorsitzenden Apo und sein tiefer Respekt vor jeder demokratischen Haltung eine maßgebliche Rolle gespielt.

Wir müssen den internationalistischen Charakter der PKK-Bewegung hervorheben, um ihre regionale und internationale Bedeutung zu begreifen und wenn möglich über die Vermittlung der theoretischen und praktischen Erfahrungen den Weg zu neuen freiheitlichen und demokratischen Entwicklungen zu ebnen.

Kurdistan ist das Land, das als Letztes von der sozialistischen Ideologie und dem nationalen Befreiungskampf erreicht wurde

Um erfolgreich zu sein, muss jede Revolution national als auch international sein. Aber in einem Land wie Kurdistan gibt es weitere Besonderheiten. Bei der Betrachtung des Internationalismus der PKK ist es sinnvoll, auf zwei Bedingungen und eine Konsequenz näher einzugehen.

Die erste Grundlage sind die Bedingungen, aus denen die PKK hervorgegangen ist. Die Besonderheiten Mitte der 1970er Jahre sind bekannt. In dieser Phase sind weltweit die sozialistischen und nationalen Befreiungsbewegungen am stärksten. Sie beeinflussen die Menschheit auf der ganzen Welt. Im Grunde ist Kurdistan eines der letzten Länder, das von der sozialistischen Ideologie und dem nationalen Befreiungskampf erreicht wurde. Vielleicht sogar das letzte. Dies ist nicht verwunderlich. Denn das System der Vernichtung und Verleugnung sowie das hundert Jahre andauernde Genozidregime, das Kurdistan aufgezwungen wird, sind weltweit beispiellos. Wir sprechen hier von einer politisch-militärischen Phase, in der eine Identität verboten, von der Welt isoliert, ihre Verbindung zu allen globalen Entwicklungen getrennt wird und durch Genozid vernichtet werden soll. Während also die gesamte Menschheit die Ideen des Sozialismus und der nationalen Befreiungsbewegungen aufgreift und sich auf dieser Grundlage entwickelt und sogar die schwächsten Gesellschaften große nationale Befreiungskämpfe entfalten, bleibt Kurdistan lange Zeit dieser Entwicklung fern.

Straßenschlachten in Istanbul 1968

Die zweite spezifische Entstehungsbedingung der PKK ist die Tatsache, dass diese Isolation Anfang der 1970er Jahre zu bröckeln begann. Dafür gab es viele Gründe. Einer der grundlegenden ist das neue Kolonialisierungssystem, das vom System der kapitalistischen Moderne mit den USA als Vorreiter entwickelt wurde. Das Verlangen des globalen Kapitals und des ihm verbundenen türkischen Monopolkapitals nach Ausbeutung der Ressourcen und Reichtümer in Kurdistan spielte dabei eine wichtige Rolle. Daneben müssen wir auch den zunehmenden Einfluss der auf der ganzen Welt sich entwickelnden revolutionären Bewegungen auf Kurdistan erkennen. Ohne Zweifel gab es starke Einflüsse der 1968er Revolutionsbewegung der Jugend und des auf dieser aufbauenden revolutionären Jugendwiderstands der Türkei 1971. Daneben hatten auch die siegreichen nationalen Revolutionen der sozialistischen Bewegungen in Vietnam, Kuba und Afrika Mitte der 1970er einen Einfluss. (…)

Der Internationalismus in der PKK

Vor diesem Hintergrund ist die Organisations- und Aktionslinie der PKK entstanden. Die reformistischen, kleinbürgerlichen und nationalistischen Strömungen in der kurdischen Gesellschaft blieben beschränkt auf nur aus Kurd*innen bestehende Gruppen oder Organisationen, weil sie sich nur auf den kurdischen Nationalismus stützten. Die PKK hingegen hatte zwar von Anfang an ihre Basis unter kurdischen intellektuellen Jugendlichen, hieß aber mit großer Selbstverständlichkeit türkische und zunehmend aus der ganzen Welt kommende Revolutionär*innen willkommen. Das theoretische Verständnis, die ideologisch-politische Linie und Organisationsstruktur der PKK waren offen dafür. Sie stützte sich nicht auf einen engen kurdischen Nationalismus, sondern nahm die nationale und gesellschaftliche Befreiung aller Unterdrückten zur Grundlage. Folglich konnten alle, die für die Werte Freiheit und Demokratie kämpfen wollten, in der PKK Platz und Möglichkeiten zum Beitritt und zum Kampf finden.

(…) So ist der Vorsitzende Apo in der Phase der Gründung der ideologische Gruppe und der Entwicklung der ideologisch-politischen Linie diesen Weg zusammen mit den Genossen Haki Karer und Kemal Pir gegangen. Er hat nicht versäumt, mit ihnen zusammen gemeinsame revolutionäre Überlegungen zu schaffen und an der Entwicklung einer ideologisch-politischen Linie zu arbeiten, die die Freiheit Kurdistans vorsah. Noch in der ideologischen Gruppenphase in Ankara bot er nichtkurdischen Revolutionär*innen in den Strukturen Platz und bei der Rückkehr nach Kurdistan und der Parteiwerdung war die PKK immer offen für den Anschluss von Revolutionär*innen verschiedenster Nationen.

Diese Offenheit der politischen Linie der PKK rührte daher, dass sie als Bewegung die revolutionären Erfahrungen der Völker der Welt in der Mitte der 1970er Jahre nach Kurdistan trug. Sie betrachtete die vietnamesische und die kubanische Revolution, die Revolutionen in Afrika, die Oktoberrevolution und die 68er-Bewegung in Europa als eigene Revolution und bestimmte daraus ihre revolutionäre Aufgabe in Kurdistan. Sie zog ihre Lehren aus ihren reichen revolutionären Erfahrungen und versuchte, Kurdistan zu analysieren und ihre Theorie und Praxis der Freiheit in Kurdistan zu entwickeln. Die PKK wurde zu einem kurdischen Arm der weltweiten Erhebung. Sie nahm die internationalen Erfahrungen und trug sie auf die nationale Ebene. Das war der Internationalismus der PKK zu ihrer Gründungszeit. Deshalb werden heute die Entwicklungen in Kurdistan von den Völkern und Unterdrückten der Welt mit großem Interesse verfolgt.

Der Kampf gegen den Faschismus von IS und AKP/MHP wird von der Jugend, den Frauen und allen Unterdrückten auf der ganzen Welt aufmerksam und solidarisch verfolgt. So wie die PKK anfangs zu ihrer Entstehungszeit ihre Lehren aus den revolutionären Kämpfen der Völker der Welt zog, so ziehen heute die Völker, Unterdrückten, Frauen und Jugend auf der ganzen Welt ihre Lehren aus der revolutionären Praxis der PKK. Sie betrachten deren Kampf als ihren eigenen. In den 1970er Jahren entstand die PKK als eine Bewegung, die die Kämpfe aller anderen Völker als den ihren betrachtete. So hat sie die geschwisterliche und internationalistische Einheit und Solidarität geschaffen. Deshalb betrachten heute alle Völker und Unterdrückten die Erfahrung der PKK als ihre eigene Praxis und Erfahrung. Sie kommen zur PKK und kämpfen mit ihr zusammen. (…)

Der internationalistische Charakter der Rojava-Revolution

Die Revolution in Rojava repräsentiert den internationalistischen Charakter der PKK am besten. Zwei Aspekte machen sie zu einem internationalistischen Anziehungspunkt. Erstens der Widerstand gegen den IS-Faschismus. (…) Zweitens die von der Rojava-Revolution getragene ideologisch-politische Linie und die von ihr entwickelte neue Gesellschaftsstruktur. Wir bezeichnen sie als Struktur der demokratischen Nation. Solch ein Nationenaufbau geschieht auf der Linie des demokratischen Konföderalismus oder der demokratischen Autonomie. Der Vorsitzende Apo sagte: »Die demokratische Nation ist der wirksamste Weg zum Sozialismus.« Das ist ein Ergebnis der Suche nach einer Lösung für die kurdische Frage, die schwerste und komplizierteste Frage auf der Welt. Der Vorsitzende Apo hat es als Lösungsmodell für die kurdische Frage vorgeschlagen, hat aber auch betont, es könne ein Lösungsmodell für alle gesellschaftlichen Probleme sein. Er hat dargelegt, dass mit dieser Methode die Frage der Freiheit der Frau, alle religiösen und nationalen Fragen sowie die Entwicklung demokratischen Widerstands gegen klassenbasierte Unterdrückung gelöst werden können. Denn dieses Modell hat das freie Individuum zur Grundlage, das innerhalb der demokratischen Gemeinschaften seinen Platz einnimmt. Die individuelle Freiheit fußt auf der demokratischen Gesellschaft, auf dem demokratischen Kommunalismus, verwirklicht sich in demokratischen Gemeinschaften zusammen mit der demokratischen Kommune. (…)

Nach den Erfahrungen des Realsozialismus tragen die revolutionären Aktivitäten in Rojava in sich die Kapazität einer besonders wichtigen Erfahrung für die demokratische sozialistische Gesellschaft. (…) Das macht ihre weltweite Anziehungskraft aus. Es besteht ein großes Interesse, die Entwicklung in Rojava kennenzulernen und zu begreifen, die Lehren aus dieser Revolution aufzunehmen und weiterzutragen. In diesem Sinne hat sowohl der Widerstand gegen den IS-Faschismus als auch der Aufbau einer neuen Gesellschaft die Kapazität, die Freiheitsrevolution in Kurdistan bekanntzumachen und zu verbreiten. Dies drückt deren internationalistischen Charakter aus.

übernommen aus dem Kurdistan Report


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