“So, wie Gott uns beisteht, werden wir uns verteidigen”

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“Herzlich willkommen!” begrüßt uns Heval Como auf Deutsch. Viele der Christen Nordsyriens sind während des Krieges nach Deutschland geflohen, manche kehrten zurück, einige blieben. Es gibt also zahlreiche Verbindungen nach Deutschland. Heval Como ist der Vorsitzende der christlichen Polizeikräfte Sutoro der nordsyrischen Stadt Dêrik. Nach einem Begrüßungstee plus Zigarette kommen wir sogleich ins Gespräch über seine tägliche Arbeit und die Lage in den christlichen Communities von Dêrik.

Sutoro ist assyrisch und bedeutet Polizei. Die Sutoro Sicherheitskräfte sind, ebenso wie die Asayiş, dem Innenministerium der Demokratischen Föderation von Nord- und Ostsyrien unterstellt und arbeiten eng mit den anderen Organisationen zusammen. “Im Gegensatz zu den Asayiş sind wir für die christliche Bevölkerung zuständig. Wir schützen christliche Festtage und Versammlungen, patrouillieren in ihren Nachbarschaften und sind ihr Ansprechpartner für Sicherheitsbelange aller Art. Wir sehen uns für die gesamte christliche Bevölkerung zuständig.” In seinem Büro sind neben Symbolen der Sutoro auch diverse christliche Symbole zu sehen.

Die Sutoro wurden im Jahr 2012 als innere Sicherheitskräfte der christlichen Gebiete aufgebaut. Damals habe es in Dêrik keine Probleme gegeben erzählt Como. Ganz anders als in Qamişlo. Dort sei die Bevölkerung aber auch viel gespaltener als in Dêrik. Die Christen, aber auch die Kurden seien gespalten. Das liegt daran, dass es in Qamişlo noch wesentlich mehr Anhänger des Assad-Regimes gibt, die in Qamişlo noch immer ein paar Straßenzüge kontrollieren. Nach anfänglich harten Gefechten um die christlichen Stadtteile, sei man aber nun an einem Punkt angelangt, indem es eine spannungsgeladene Toleranz für die christlichen Selbstverteidigungsstrukturen gibt. “Jeder bleibt in seinem Gebiet, das Regime hat ihre Viertel, die Sutoro und die Asayiş. Wenn es aber Probleme mit dem Regime gibt, unterstützen sich natürlich Asayiş und Sutoro und wir verteidigen uns gemeinsam.”

Innerhalb der Bevölkerung brauchte es seine Zeit, bis das Konzept der autonomen Christenmilizen auf Verständnis stieß. “Da hat sich sehr viel verändert. Am Anfang wusste kein Mensch, wer wir überhaupt sind. Das Verständnis kam dann von ganz allein. Wir haben einfach unsere Arbeit gemacht und die Menschen haben uns zu schätzen gelernt. Sie haben gesehen, dass wir ihre christlichen Feste und Versammlungen schützen, dass wir Daesh aus Nordsyrien vertrieben haben. Mittlerweile ist keiner mehr irritiert, wenn wir die Kirchen und Plätze schützen. Die Kirchen rufen uns sogar von sich aus an und bitten um Schutz, wenn es eine große Veranstaltung gibt.”

Como erzählt auch vom Krieg gegen Daesh. Regulär sind die Sutoro zwar eine innere Sicherheitsorganisation und keine militärische, aber wenn es nötig ist, sich gegen einen Feind wie Daesh zu verteidigen, “Dann fragt keiner mehr – was ist deine Struktur? Bist du zivil oder militärisch? Dann kämpft das ganze Volk. Wir haben mit der YPG, YPJ, MFS (militärische Christenmiliz) und den gesamten Demokratischen Kräften Syriens gegen Daesh gekämpft, in Shaddadi, in Raqqa, in Deir Ez-Zor. Überall. Mein Sohn hat auch gekämpft, er hat damals in Raqqa sein Bein verloren.”

Auch hier zeigt sich, wie weit die Integration der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in die Demokratische Föderation von Nord- und Ostsyrien schon vorangeschritten ist. Die Gebiete, in denen er und sein Sohn gekämpft haben, sind keine christlichen Gebiete. Diese sind vor allem im Norden Syriens, die schon zu Beginn des Krieges gesichert wurden. Dennoch sind die christlichen Milizen weiter mit den SDF marschiert. Sein Sohn verlor sein Bein in Raqqa, einer überwiegend arabischen Stadt. Die Völker der Föderation verteidigen sich gemeinsam, als eine Selbstverständlichkeit.

So viel steht fest, Como und seine Familie haben eine Entscheidung getroffen. Gegen die Flucht in ein Land in dem sie nichts als Ausbeutung und Marginalisierung erwarten und für den Widerstand der Völker. Das wird uns umso klarer, als wir nach dem Interview noch etwas über die aktuelle politische Lage diskutieren. “Wenn die Türkei einmarschiert, ist unsere Reaktion klar. Wir bleiben und werden uns bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Der türkische Staat der Gegenwart ist wie das Osmanische Reich. Sie machen keinen Unterschied, ob kurdisch, christlich oder arabisch, ob du jung bist oder alt, ein Mann oder eine Frau. Ihr Ziel ist Vernichtung. Doch sowie Gott uns beisteht, werden wir uns verteidigen.”