Die Widerstandsgöttin Sehid Sara

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Am 09.01.2018 jährt sich der Mord an Sehid Sara (Sakine Cansiz), Sehid Ronahi (Leyla Saylemez) und Sehid Rojbin (Fidan Dogan) zum fünften Mal.

Sehid Sara ist eine der ersten Frauen und Gründungsmitglied der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans). Zu einer Zeit in der es für Frauen noch viel schwieriger war, sich politisch zu organisieren und dem Feind eine klare Haltung entgegenzubringen, tat Sehid Sara genau das. Im Gefängnis von Amed leistete sie nicht nur jahrelang Widerstand, darüber hinaus organisierte sie die Frauen, die mit ihr zusammen im Gefängnis inhaftiert waren. So schaffte sie es, in der Gefängniszelle einen Zusammenhalt aufzubauen, der zu einem gemeinsamen Widerstand wurde. Ihre radikale Haltung beeinflusste alle Frauen um sie herum, Gefangene der PKK ebenso wie andere politische Gefangene. Während die brutale Folter keine Grenzen kannte und vielen Menschen das Leben kostete, kam es für Sehid Sara nie in Frage aufzugeben. Stattdessen trat sie dem Feind entschlossen entgegen. Besonders bekannt wurde, dass zu der Zeit, als die Folter ein solches Ausmaß annahm, dass der Widerstand Vieler gebrochen wurde, die Widerstandsgöttin Sehid Sara den Mut besaß, dem Feind ins Gesicht zu spucken. Dieser revolutionäre Geist Sehid Saras ist auf ihre Wurzeln in Dersim zurückzuführen. Die Familie von Sakine Cansiz ist eine Familie, die das Massaker von Dersim 1938 überlebte. Ebenso wie die Folter im Gefängsnis von Amed keine Grenzen kannte, trifft dies auch auf das Vorgehen türkischer Soldaten in Dersim zu, wo 30.000 Menschen massakriert wurden. 1938 kämpfte Seyid Riza gemeinsam mit seiner Genossin Bese gegen den türkischen Faschismus. Widerstand, insbesondere von Frauen, hat somit in Dersim eine lange Geschichte. Deshalb sind die Frauen aus Dersim für ihre starke Haltung bekannt. Das widerständige Leben Sehid Saras bestätigt dies und prägte dies dazu noch maßgeblich.

Durch ihren unermüdlichen Kampf, den sie vor ihrer Festnahme, im Gefängnis und auch nach der Zeit im Gefängnis weiterführte, indem sie sich für die Befreiung der Frau in Kurdistan und der ganzen Welt einsetzte, wurde sie zur Widerstandslinie der PKK. Über ihr Leben sagte sie deshalb zutreffenderweise selbst, dass es ein einziger Kampf war. Dieser Kampf Sehid Saras beschränkte sich nicht nur auf einen antikolonialen Kampf des kurdischen Volkes sondern war auch ein antipatriarchaler Kampf für die Befreiung der Frau. Somit ist sie zu einer universellen Widerstandfigur geworden, die revolutionäre Bewegungen weltweit sich zum Vorbild nehmen.

Deshalb sind es nicht nur KurdInnen, die jedes Jahr am 9. Januar in Paris zu Zehntausenden auf die Straße gehen und die Aufklärung des Attentats sowie das zur Rechenschaftziehen der Verantworlichen fordern. Erst vor Kurzem haben zwei hochrangige Agenten des türkischen Geheimdienstes (MIT), die sich seit August in Gefangenschaft der PKK befinden, ausgesagt, dass der Mordauftrag von dem hochrangigen MIT-Agenten Hakan Fidan ausging. Dies bestätigt lediglich, was seit langem vermutet wurde: Hinter den Morden an den kurdischen Aktivistinnen steht der türkische Staat. Dass der türkische Staat sich als Ziel die drei Widerstandskämpferinnen ausgesucht hat, stellt keinen Zufall dar. Das Vorgehen der faschistische Türkei ist systematisch gegen aufständige Frauen gerichtet. 2016, als sich die Morde von Paris zum dritten Mal jährten, kam es erneut zu einer brutalen Hinrichtung dreier Aktivistinnen in Kurdistan: Sêwe, Pakize und Fatma. Dies ist alles Ausmaß einer insgesamt frauenfeindlichen Politik, die Frauen in jeder Hinsicht unterdrückt. Dies ist auch im Versuch der Legalisierung von Kinderehen erneut zu erkennen.

Die Frauen tragen das größte revolutionäre Potential in sich, welches dem Staat gefährlich wird. Deshalb hat der Staat eine Politik explizit gegen Frauen entwickelt, die einen Feminizid zum Ziel hat. Aber dies werden wir nicht zulassen. Auf dem Weg von Sehid Sara, aus Dersim über Amed und die Berge Kurdistans nach Paris, laufen wir weiter. Ihr Leben, ihr Kampf sind unser wertvolles Erbe und zugleich eine Verantwortung. Denn ihren Kampf gilt es weiterzukämpfen, bis zur Befreiung aller Frauen weltweit.