Gedanken von Şehîd Bager über Macht und Wahrheit

…und wie sie mit der gegenwärtigen Zeit verbunden sind

Einleitung

Derzeit erleben wir einen Krieg, der ebenso sehr ein Informationskrieg wie ein militärischer Konflikt ist. Sich nicht von den Desinformationen beeinflussen zu lassen, die viele Medien weltweit verbreiten, ist entscheidend, damit Demokratie und Freiheit Bestand haben können. Um zu verdeutlichen, warum das so wichtig ist, teilen wir Gedanken aus einem Text von Şehîd Bager Nûjiyan (Michael Panser) und reflektieren über die Relevanz seiner Überlegungen für die gegenwärtige Situation. In „Power and Truth:  Analytics of Power and Nomadic Thought as Fragments of a Philosophy of Liberation“ untersucht Şehîd Bager Denksysteme – oder das, was Rêber Apo (Abdullah Öcalan) „Wahrheitsregime“ nennt –, ihre Verflechtung mit Macht, die Instrumentalisierung von Wahrheit als Mittel spezieller Kriegsführung und die Frage, wie wir uns dagegen wehren können. Die Frauenrevolution in Kurdistan gegen dschihadistischen Faschismus zu verteidigen, bedeutet auch, für die Wahrheit einzustehen. Es heißt, sich geistig gegen Denkweisen zu wappnen, die unseren Glauben an Freiheit und kollektiven Sieg untergraben sollen. In diesem Sinne laden wir dazu ein, sich mit unseren Reflektionen zum gegenwärtigen Informationskrieg auseinanderzusetzen, die von den Ideen Şehîd Bagers inspiriert sind.

Über Macht und Wahrheit (Şehîd Bager)

In „Power and Truth“ geht Şehîd Bager zwei eng miteinander verbundenen Fragen nach, die helfen, sowohl die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse als auch die Möglichkeiten sinnvollen Handelns zu verstehen. Erstens untersucht er, wie Denksysteme – das, was Rêber Apo als „Wahrheitsregime“ bezeichnet – funktionieren. Zweitens fragt er, wie diese Regime mit Macht verflochten sind und welche Formen des Widerstands sie zulassen. Seine Überlegungen laden dazu ein, darüber nachzudenken, wie wir Wirklichkeit begreifen, wie dieses Verständnis unser Handeln prägt und wie Macht beide Prozesse durchzieht.

Denksysteme: Wahrheitsregime

Alles Denken vollzieht sich innerhalb einer bestimmten Art, die Welt zu verstehen. Wie wir Realität wahrnehmen und deuten, ist geprägt durch die Weise, in der wir sozialisiert wurden. Diese Muster beeinflussen, wie wir unseren Alltag organisieren. In diesem fortlaufenden Prozess entsteht Bedeutung. Die Bedeutungen, die wir dem Wahrgenommenen zuschreiben, leiten unsere Entscheidungen, setzen Normen und Erwartungen und werden durch Erfahrung und Reflexion immer wieder überprüft und verändert.

Ob Individuum, Kollektiv oder Gesellschaft – jedes Subjekt bringt eigene Erfahrungen mit. Indem wir die gelebte Wirklichkeit reflektieren, wird Veränderung möglich. Jede Handlung gründet daher auf einer bestimmten Form von Bewusstsein: der Fähigkeit, uns in der Realität zu verorten und sie zu deuten. Rêber Apo beschreibt diesen Prozess als ein Geschehen innerhalb von „Wahrheitsregimen“.

Was wir wahrnehmen, analysieren und interpretieren, um unser Handeln auszurichten, ist niemals die absolute Wahrheit, sondern stets eine Annäherung an sie. Wir greifen Fragmente der Wirklichkeit auf, prüfen sie an der Erfahrung, filtern und deuten sie, bis wir sie als wahr anerkennen. Wenn wir etwa Erdbeeren als rot und essbar wahrnehmen und diese Erfahrung immer wieder bestätigen, halten wir schließlich die Aussage „Erdbeeren sind rot und essbar“ für wahr. Über Jahrhunderte hat die Differenzierung von Gesellschaften eine Vielzahl solcher Annäherungen hervorgebracht. Gesellschaftliches Leben ist daher ein fortwährender Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichen Wahrheitsregimen. Gerade diese Vielfalt eröffnet Raum für Kreativität, Wandel und gesellschaftliche Veränderung.

Denksysteme und ihr Verhältnis zur Macht

Unser Verständnis einer Situation eröffnet bestimmte Handlungsmöglichkeiten und verschließt andere. In diesem Sinn lässt sich Macht grundlegend als Handlungsfähigkeit begreifen. Jeder Mensch verfügt über diese Fähigkeit. Macht ist an sich weder gut noch böse. Sie verkörpert sich nicht nur in fernen Gestalten wie Königen, Polizisten oder Göttern. Vielmehr sind solche Figuren Ausdruck gebündelter Macht, die aus bestimmten Deutungen der Wirklichkeit hervorgeht. Macht entsteht überall in der Gesellschaft. Sie zirkuliert, strukturiert Beziehungen und durchdringt das soziale Leben. In diesem Sinne ist sie allgegenwärtig.

Einerseits meint Macht die Fähigkeit eines Individuums, sich in einem System zu bewegen, Bedeutungsrahmen zu schaffen und entsprechend zu handeln. Andererseits sind moderne Gesellschaften tief von Machtverhältnissen geprägt: Sie organisieren sich um Hegemonie, Akkumulation, Zugang zu Macht und die Fähigkeit, anderen ihre Deutungen aufzuzwingen.

Macht als Unterdrückung

Unterdrückend wird Macht, wenn eine bestimmte Position im System – sei es ein Individuum, eine Partei, ein Staat oder eine Institution – ihren Bedeutungsrahmen anderen aufzwingt. Wird dieser Rahmen nicht akzeptiert, folgen oft Ausgrenzung, Repression und Gewalt. Ein Beispiel ist die kurdische Gesellschaft: Nationalstaaten wie die Türkei haben über Jahrhunderte versucht, eine Deutung durchzusetzen, in der es keine Kurd:innen gibt, sondern nur eine Nation, eine Sprache, eine Kultur innerhalb eines einheitlichen Staates. So wurden Realität und gelebte Wahrheit der Kurd:innen ausgegrenzt und unterdrückt. Herrschaft beraubt Teile der Gesellschaft ihrer Handlungsfähigkeit und zielt darauf ab, sie von handelnden Subjekten zu passiven Objekten zu machen.

Eine solche Herrschaft bedient sich spezifischer Methoden, insbesondere solcher, die Menschen von ihrem eigenen Wahrheitsverständnis entfremden. Da Macht untrennbar mit Wissen verbunden ist und Handlungsfähigkeit eng mit Bewusstsein und Zugang zur Wahrheit zusammenhängt, versucht jedes Herrschaftsprojekt, sein eigenes Wahrheitsregime als absolut zu etablieren – als normal, universell und alternativlos.

Deutlich zeigt sich das im aktuellen Krieg in Syrien. Nationalstaaten konstruieren ihre Wahrheitsregime, indem sie den Nationalstaat als unvermeidlich darstellen: als einzige mögliche Form gesellschaftlicher Organisation, als seien Gesellschaft und Staat identisch und als könne keine Gesellschaft ohne Staat existieren. So wird ein Konflikt, der im Kern um Frauenrevolution und Selbstbestimmung der Völker gegen Dschihadismus und Faschismus geführt wird, auf einen Konflikt zwischen Arabern und Kurden reduziert.  Al Jazeera beispielsweise zeigte kürzlich Bilder einer gestürzten Statue einer YPJ-Kämpferin in Tabqa und untertitelte sie mit den Worten: „So sieht die Vereinigung eines Landes aus.“ Diese Darstellung veranschaulicht, wie staatsnahe Medien versuchen, den Krieg – trotz der offen frauenfeindlichen Symbolik dschihadistischer Kräfte – auf einen nationalistischen Konflikt zwischen einem „legitimen“ Staat und einer angeblich die Einheit bedrohenden Nation zu verkürzen.

Das von staatsnahen Medien verbreitete Wahrheitsregime spricht den Menschen, insbesondere den Frauen in der DAANES, ihre Handlungsfähigkeit ab und verzerrt eindeutige Zeichen von Gewalt gegen Frauen. Die Zerstörung von Frauenstatuen oder das Abschneiden von Zöpfen wird als nationaler Akt umgedeutet, statt als das benannt zu werden, was es ist: ein Angriff auf Frauen und auf Frauenbefreiung. Staaten pressen diesen Konflikt in ihr Narrativ, weil eine realitätsnähere Darstellung die politische Perspektive der Revolution sichtbar machen müsste – und damit das dominierende staatliche Wahrheitsregime infrage stellen würde.

Macht und Wir

Im Ringen zwischen verschiedenen Wahrheitsregimen stehen wir niemals außerhalb von Machtverhältnissen. Unser Bewusstsein und unsere Lebensweise sind geprägt von ständigen Kämpfen um Bedürfnisse und Anerkennung. In diesem Sinne werden wir durch Macht überhaupt erst zu Subjekten. Widerstand kann daher nicht von einer vermeintlich reinen, machtfreien Position ausgehen.

Staats- und systemnahe Medien haben ein klares Interesse daran, den Krieg in Nord- und Ostsyrien in ihr Wahrheitsregime einzupassen, um Menschen davon abzuhalten, sich dem Widerstand anzuschließen. Sie wollen die historische Bedeutung dieses Kampfes unsichtbar machen. In ihrem Deutungsrahmen gibt es weder Frauenbefreiung noch das Modell der demokratischen Nation.

Wirksamer Widerstand erfordert ein Verständnis von Geschichte. Rêber Apos Geschichtsverständnis zielt darauf ab, langfristige Prozesse der Entmächtigung offenzulegen und den Zugang zur Wahrheit so wiederzugewinnen, dass strategischer Widerstand möglich wird. Sich gegen staatliche Wahrheitsregime zu stellen, heißt, der langen Geschichte von Kämpfen um alternative Wahrheiten – insbesondere um Frauenbefreiung und Demokratie – Bedeutung zu geben.

Spezielle Kriegsführung

„Spezielle Kriegsführung“ bezeichnet die Gesamtheit staatlicher Techniken, mit denen Gesellschaft geschwächt wird, indem Wahrheitswirkungen erzeugt werden, die alle Lebensbereiche durchdringen. Dazu zählen staatsnahe Medien, Institutionen wie Gefängnisse und Erziehungssysteme, bürokratische Verwaltung, Polizeiapparate und die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Als Sammelbegriff umfasst spezielle Kriegsführung Taktiken, die das staatliche Wahrheitsregime festschreiben und alternative Denkweisen auslöschen sollen. Dies geschieht durch die ständige Wiederholung dominanter Paradigmen – Konsumismus, Nationalismus, Militarismus, Feindbilder sowie liberale oder feudale Verhaltensnormen –, die als Sozialisationsinstrumente wirken.

Im aktuellen Krieg sehen wir, wie der Konflikt nationalistisch gedeutet wird, statt über die Werte zu sprechen, für die Menschen tatsächlich kämpfen. Indem verschwiegen wird, dass Frauen die Hauptangriffsziele von Gruppen wie HTS sind, werden patriarchale Muster weiter gefestigt. Die nahezu vollständige Abwesenheit weiblicher Lebensrealität in der Berichterstattung ist selbst eine Form von Gewalt und ein bewusster Versuch, ein Wahrheitsregime zu stabilisieren, in dem Frauenbefreiung keinen Platz hat.

Staatsnahe Kräfte zielen darauf, durch Dogmen, Gesetze und starre Wahrheitsregime ein festes Weltbild durchzusetzen und ein Wissensmonopol zu errichten. Eine Gesellschaft, die sich vom Staat emanzipieren will, muss daher eine wirklich sozialistische Mentalität entwickeln – als Gegenentwurf zur staatlichen Herrschaft. Das bedeutet eine selbstermächtigende Lebensweise, die auf der kontinuierlichen Entwicklung von Wahrnehmung und kollektiver Handlungsfähigkeit beruht.

Die Utopie des demokratischen Konföderalismus steht für ein solches Projekt. Vergleichbar mit der zapatistischen Bewegung in Mexiko reagiert sie auf das Scheitern früherer sozialistischer Experimente, indem sie Selbstverwaltung jenseits des Staates in den Mittelpunkt stellt. Wie Rêber Apo schreibt: „Wer sich selbst führen will, muss philosophieren; wer philosophieren will, muss sich mit der Wahrheit befassen.“

Der Widerstand gegen spezielle Kriegsführung in Rojava zeigt, wie dieses Paradigma konkret Gestalt annimmt. Philosophie und Instrumente der Selbstreflexion werden über ein weit entwickeltes Akademiesystem kollektiv zugänglich gemacht. Gesellschaftliche Gruppen organisieren sich nach ihren Anliegen und entwickeln eigene Bildungsstrukturen. Die Menschen in Nord- und Ostsyrien haben Bildungssysteme aufgebaut, um ihre eigene Geschichte und Wahrheit zu lernen, und demokratische Medien gegründet, um ihre Realität sichtbar zu machen. So entsteht ein eigener Bedeutungsrahmen jenseits staatlicher Kontrolle.

Schluss

Der Kampf um Selbstbefreiung – gegründet auf dem Verständnis der eigenen Lage, Geschichte, Möglichkeiten, Hoffnungen und Wünsche – ist ein Kern jedes sozialistischen Projekts. Dieses Bewusstsein ist besonders in West- und Mitteleuropa wichtig, wo staatliche Dominanz tief in kollektiven Weltbildern verankert ist und Widerstand oft zersplittert bleibt. Deshalb müssen wir kritisch prüfen, welche Medien wir wie konsumieren, uns mit der Geschichte demokratischer Bewegungen auseinandersetzen und das enge Verhältnis von Macht und Wahrheit verstehen. Staatszentrierte Denkweisen gilt es konsequent offenzulegen und infrage zu stellen. Organisiertes Denken braucht flexible Methoden, Selbstbewusstsein und ideologische Klarheit – und vor allem das Bewusstsein für den eigenen Handlungsspielraum und die eigene Kreativität.

Gerade in diesem Krieg ist die Verzerrung der Wahrheit ein zentrales Machtinstrument: Sie soll uns entmutigen, uns schwach fühlen lassen und dem Kampf seinen Sinn nehmen. Bauen wir daher unsere kollektive Selbstverteidigung gegen spezielle Kriegsführung auf.  Verteidigen wir die Frauenrevolution – körperlich wie geistig. Geben wir diesem universellen Kampf Bedeutung, denn er wird nicht für eine einzelne Nation geführt, sondern für alle freiheitsliebenden Menschen auf diesem Planeten. 

Scroll to Top