Ein Vorreiter des neuen Internationalismus – Im Gedenken an Şehîd Kasim Engin

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Das Zentralkomitee der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hat gestern in einer schriftlichen Stellungnahme das Märtyrertum des Mitglieds des Zentralkomitees der Partei Kasim Engin (Ismail Nazlikul) verkündet und mit der Öffentlichkeit geteilt. Şehîd Kasim Engin erreichte das Märtyrertum als Ergebnis eines Luftangriffes auf die Guerillagebiete in der Region Bradost, Südkurdistan am 27. Mai 2020.

Wir, als Internationalistische Kommune in Rojava, möchten Şehîd Kasim mit einigen Worten zu seinem Leben, seiner Annäherung und Praxis innerhalb der Freiheitsbewegung, gedenken. Wir sehen in ihm einen beispielhaften Vorreiter des internationalistischen Kampfes und werden die Revolution in seinem Andenken bis zum Sieg weiterführen.

Şehîd Kasim lernte die kurdische Freiheitsbewegung innerhalb seiner Familie kennen, die bereits seit der Gründung im Jahre 1978, Kontakt zur PKK pflegte. Seit 1985 beteiligte er sich aktiv an den Arbeiten der Freiheitsbewegung in Europa und fasste 1989 den Entschluss sich als professioneller Revolutionär den Reihen der PKK anzuschließen. Im Rahmen der revolutionären Arbeiten organisierte er die kurdische Bevölkerung in der Diaspora und übernahm vor allem in den Jugend-, Kultur-, und Diplomatiearbeiten große Verantwortungen. In Deutschland war er auch maßgeblich an der Erstellung und Verbreitung des Kurdistan Reports beteiligt und leistete damit einen großen Beitrag zur Bekanntmachung des Freiheitskampfes und der Entstehung der Solidaritätsbewegung. Die Bedeutung des Reports, die über eine ‘einfache’ Informationszeitschrift hinausgeht, beschreibte er in seinen eigenen Worten wie folgt:

“[…] [D]er Kurdistan Report ist in zweierlei Hinsicht sehr bedeutungsvoll; zum einen das Näherbringen [der kurdischen Realität, der sozialen Situation und das Land] für die deutsche Gesellschaft in Deutschland und die deutschsprachen Regionen, zum anderen für uns Menschen, die dazu gezwungen waren, fern der Heimat zu leben, um Wissen über die eigene Realität zu erlangen, darüber an Identität zu gewinnen, um so Mitstreiter des Freiheitskampfes zu werden. Möglicherweise gilt das Gesagte für andere Völker der Erde nicht. Doch für jene, deren Sprache wie unsere verboten ist, deren Lebensräume und Identität verleugnet werden und denen nicht ein Fußbreit eigenen Landes gewährt wird, hat es eine große Bedeutung, dass an fernen Orten Wissen über die eigene Identität erworben werden kann. […]

Kurz gesagt, der Kurdistan Report ist nicht nur eine Zeitschrift. Auch nicht nur eine Reihe von Artikeln, die an einige junge Leute zur Lektüre verteilt werden. Im Zwischenmenschlichen und im Individuellen – der Kurdistan Report war nicht nur der Name für die Verbindung zu insbesondere linken, sozialistischen, feministischen, demokratischen, antifaschistischen, anarchistischen und verschiedenen Glaubensgruppen, sondern er war die Verbindung selbst. […]”

Diese ernsthafte und verantwortungsbewusste Annäherung an die revolutionären Arbeiten sowie die Nähe und Liebe zu den Menschen waren auch der Grund dafür, weshalb es Şehîd Kasim gelang, gemeinsame Kämpfe zu verbinden. Durch seine bescheidene, positive und lebendige Persönlichkeit gewann er das Vertrauen der Bevölkerung und stärkte die Moral aller seiner Weggefährt*innen. Jeder, der ihn auch nur für kurze Zeit kennenlernen dürfte, schätze und liebte ihn sehr.

Für uns, als Internationalistische Kommune in Rojava, ist Şehîd Kasim Repräsentant eines revolutionären jugendlichen Geistes und einer der Erschaffer des neuen Internationalismus. Mit seiner praktischen und offenen Herangehensweise legte er bereits in den 80er Jahren das Fundament für unsere heutige Praxis und leistete einen unschätzbaren Beitrag zur Verbreitung der Revolution. Um die Realität des kurdischen Volkes besser verstehen zu können, ging Şehîd Kasim 1990 an die Mahsum-Korkmaz-Akademie im Libanon. Dort lernte er auch Abdullah Öcalan kennen und setzte sich in aller Tiefe mit der Geschichte Kurdistans, der Philosophie und den Werten der Freiheitsbewegung auseinander. Pausenlos und mit aller Kraft arbeitete er unerschöpflich an einer Zukunft in Freiheit. Dabei war ihm die Annäherung und Praxis Abdullah Öcalans, jede einzelne Sekunde der Befreiung zu widmen und dennoch stets an sich selbst und seinen Weggefährt*nnen zu arbeiten und füreinander da zu sein, immer ein Beispiel. Şehîd Kasim Engin versuchte stets sich neu zu erschaffen und erweckte in seiner genossenschaftlichen Annäherung gegenüber seinen Weggefährt*innen die Frauenbefreiungsideologie zum Leben. Für ihn war klar, dass der Sieg der Frauenrevolution für den Erfolg der Revolution und damit auch der Befreiung des Mannes unabdingbar ist.

Der gezielte Anschlag auf einen weiteren langjährigen Führungskader der Freiheitsbewegung reiht sich ein in die Angriffe der vergangeneen zwei Jahre, von Şehîd Mam Zekî Şengalî, über die Genoss*innen des KCK Diplomatiekomitees, sowie Şehîd Helmet im vergangenen Jahr und ist nicht getrennt von den aktuellen politischen Ereignissen zu betrachten. Während die Feinde der Revolution, allen voran die Vereinigten Staaten von Amerika und die NATO, alles ihnen Mögliche unternehmen, um die Revolution in Rojava von der revolutionären Linie des Apoismus zu entfernen und politisch zu liquidieren, sowie in Nordkurdistan versuchen, im Rahmen der legalen Politik Alternativen zum bewaffneten Kampf gegen den Faschismus zu errichten, zielen sie mit koordinierten Angriffen auf das revolutionäre Zentrum und Gehirn der Bewegung.

Mit der verschärften Isolation gegen die Führung der Freiheitsbewegung, in der Person Abdullah Öcalans, sowie mit den hinterhältigen und feigen Angriffe gegen die praktische Leitung der Freiheitsbewegung, soll die Bewegung kopf- und orientierungslos gemacht werden, damit die Revolution im Mittleren Osten leichter durch politisch-ideologische, ökonomische und militärische Angriffe neutralisiert werden kann. Diese Art der Angriffe sind nicht allein das Werk des faschistischen türkischen Staates, sondern das Produkt einer direkten Kooperation zwischen den imperialistischen Mächten, vor allem den USA, dem MIT sowie lokalen Kollaborateuren wie dem KDP Geheimdienst Parastin und sind daher als Teil des andauernden Internationalen Komplotts zu betrachten. Şehîd Kasim forderte auf, gegen das andauernde internationale Komplott vorzugehen, und es nicht nur bei Lippenbekenntnissen zu belassen, sondern offen ‘gegen diejenigen Stellung zu beziehen, die mit kolonialen Kräften gemeinsame Sache machen und für deren Interessen agieren.’ Şehîd Kasims Worte sind auch ein Aufruf an die globale Widerstandsbewegung, die Revolution im Mittleren Osten, von Rojava bis in die befreiten Berge Kurdistans, zu verteidigen und in die Welt zu tragen. Es gilt, sich die Hoffnung, die Werte, die Methoden und die Praxis der Freiheitsbewegung zu eigen zu machen und auf dieser Basis den Kampf Şehîd Kasims um eine freie Zukunft, verantwortungsbewusst zum Ziel zu führen.

Wir verfassen diese Zeilen, da wir es als wichtig erachten, dass alle Genoss*innen die aktuellen Geschehnisse richtig einordnen, strategisch bewerten und dementsprechend beantworten können. Wenn die Feinde der Revolution versuchen, das Feuer der Revolution im Mittleren Osten zu ersticken, so wird es zu unserer Aufgabe, diese Flamme überallhin zu tragen. Gegen den Internationalen Komplott, die Einheit der Herrschenden der Welt, kann unsere Antwort nur die Stärkung des vereinten revolutionären Kampfes sein. In diesem Sinne: Schaffen wir zwei, drei viele Rojavas. Im Gedenken an Şehîd Kasim und alle Gefallenen der Weltrevolution werden wir den Kampf zum Sieg führen.

Die Revolution im Mittleren Osten wird siegen – der Faschismus zerschlagen werden.

Internationalistische Kommune in Rojava, 9. Juni 2020